Ausgewählte Zyklen und Vorträge aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiners

 

Rudolf Steiner (1861-1925):

GA 107 Geisteswissenschaftliche Menschenkunde

3. Vortrag Berlin, 23. Oktober 1908

Geschichte des Menschen in der geistigen Welt von der Atlantis bis heute.

Wir sprechen in bezug auf die äußere physische Welt von einer «Geschichte». Wir blicken zurück an der Hand äußerer Dokumente und Nachrichten in die verflossenen Zeiten der Geschichte der Völker, der Menschheit. Sie wissen ja, daß man auf diesem Wege durch die Erschließung so mancher neuerer Dokumente bis in frühe Jahrtausende vor Christi Geburt zurückblicken kann.

Nun haben Sie aus den Vorträgen, die wir auf dem Felde der Geisteswissenschaft gehört haben, entnehmen können, daß wir an der Hand von okkulten Dokumenten noch viel weiter, in unbegrenzte Weiten der Vergangenheit zurücksehen können. Wir erkennen also eine äußere Geschichte der äußeren physischen Welt an. Wir wissen, wenn wir sprechen über die Lebensgewohnheiten, über die Kenntnisse, überhaupt über die Erlebnisse der Völker, welche lebten in den unmittelbar hinter uns liegenden Jahrhunderten, wenn wir über ihre Entdeckungen und Erfindungen sprechen wollen, daß wir anders sprechen müssen, als wenn wir ein oder zwei Jahrtausende zurückgehen und von den Sitten und Gewohnheiten, von den Kenntnissen und Erkenntnissen weit zurückliegender Völker sprechen.

Und immer anders wird die Geschichte, wenn wir weiter zurückgehen in der Zeit. Es ziemt sich vielleicht, einmal zu fragen, ob denn das Wort «Geschichte», «historische Entwickelung» nur eine Bedeutung hat für diese äußere physische Welt, ob nur da im Laufe der Zeiten sich die Ereignisse, die Physiognomle des Geschehens ändern, oder ob vielleicht das Wort Geschichte auch eine Bedeutung haben kann für die andere Seite des Daseins, für jene Seite, die wir eben gerade durch die Geisteswissenschaft beschreiben, die der Mensch zu durchleben hat in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.

Zunächst, bloß äußerlich angesehen, müssen wir uns ja sagen, daß nach alle dem, was wir wissen, das Leben des Menschen in diesen anderen, für den heutigen Menschen übersinnlichen Welten sogar ein längeres ist als das in der physischen Welt. Hat das Wort «Geschichte»

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auch für diese Welt, für diese andere Seite des Daseins, eine Bedeutung? Oder sollen wir uns der Anschauung hingeben, daß in den Gefilden, die der Mensch durchiebt in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, immer alles gleichbleibt, daß es dasselbe ist, wenn wir zum Beispiel zurückgehen durch das 18., 17. Jahrhundert hindurch bis in das 8., 7., 6. Jahrhundert nach dem Erscheinen des Christus Jesus auf der Erde und noch weiter, in die vorchristlichen Jahrhunderte?

Die Menschen, die mit der Geburt das irdische Dasein betreten, treffen ja mit jeder neuen Geburt andere Verhältnisse auf der Erde an. Denken wir uns einmal in die Seele eines Menschen hinein - und es sind ja unsere eigenen Seelen, um die es sich handelt -, der erschienen ist in einer Verkörperung im alten Ägypten oder im alten Persien. Stellen wir uns lebhaft vor, in welche Verhältnisse ein Mensch hineingeboren wurde, der im alten Ägypten gegenüberstand den gigantischen Pyramiden und Obelisken und all den Lebensverhältnissen, die uns in dem alten Ägypten gegeben sind. Denken wir uns, was das gerade für das Leben zwischen Geburt und Tod für Lebensverhältnisse sind.

Sagen wir nun, dieser Mensch stirbt, er macht eine Zeit durch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt und wird nunmehr hineingeboren in eine Zeit des 7., 8. Jahrhunderts der nachchristlichen Epoche. Vergleichen wir die Zeiten: Wie anders stellt sich der Seele in dem irdischen Dasein die Welt dar in den Zeiten vor dem Erscheinen des Christus Jesus äußerlich hier auf dem physischen Plan! Und fragen wir weiter: Was erlebt die Seele, die vielleicht in den ersten Jahrhunderten der nachchristlichen Zeit erschienen ist und die jetzt wiederum unseren physischen Plan betritt?

Da findet sie die neueren staatlichen Einrichtungen, von denen dazumal keine Rede war. Sie erlebt das, was unsere modernen Kulturmittel gebracht haben, kurz, ein ganz anderes Bild bietet sich einer solchen Seele dar gegenüber dem, was sich ihr in den vorhergehenden Inkarnationen dargeboten hat. Und wir sind uns bewußt, wenn wir diese einzelnen Inkarnationen vergleichen, wie verschieden sie voneinander sind. Ist es da nicht berechtigt, die Frage aufzuwerfen: Wie ist es denn mit den Lebensverhältnissen eines Menschen zwischen dem Tode und der neuen Geburt, also zwischen zwei Inkarnationen?

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Wenn ein Mensch früher im alten Ägypten gelebt hat und nach dem Tode in die geistige Welt gegangen ist, dort bestimmte Tatsachen, bestimmte Wesenheiten gefunden hat, wenn er dann wieder ins physische Dasein trat in den ersten christlichen Jahrhunderten, wieder starb und wieder hinüberging in die andere Welt und so weiter - ist es da nicht berechtigt, zu fragen, ob sich auf der anderen Seite des Daseins bei all den Erlebnissen, die der Mensch da durchmacht, nicht auch eine «Geschichte» abspielt, ob nicht auch da im Verlaufe der Zeit sich vieles ändert?

Sie wissen ja, daß, wenn wir das Leben des Menschen zwischen dem Tode und der neuen Geburt schildern, wir ein allgemeines Bild davon geben, wie dieses Leben ist. Wir schildern da, ausgehend von dem Moment des Todes, wie der Mensch, nachdem sich vor seiner Seele jenes große Erinnerungstableau entwickelt hat, eintritt in die Zeit, wo seine im astralischen Leib befindlichen Triebe, Begierden, Leidenschaften, kurz, wo alles, was ihn noch an die physische Welt bindet, noch in ihm ist, wo sich das abspielt, was man gewohnt worden ist Kamaloka zu nennen, und wie der Mensch, nachdem er diese Verbindung abgestreift hat, dann in das Devachan eingeht, in eine rein geistige Welt. Und wir schildern dann weiter, was in dieser Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt für den Menschen in diesem rein geistigen Dasein sich weiter entwickelt bis zu seinem Wiederkommen in der physischen Welt. Sie haben gesehen, wie das, was wir da schildern, zunächst immer sozusagen mit Rücksicht darauf besprochen wurde, daß es sich auf die Gegenwart, auf unser unmittelbares Leben bezieht. Und so ist es auch. Man muß natürlich von irgend etwas ausgehen, man muß auf irgendeinem Posten stehen, wenn man schildert. Geradeso wie man bei Schilderungen der Gegenwart ausgehen muß von den Beobachtungen und Erfahrungen in der Gegenwart, so ist es auch bei Schilderungen über die geistige Welt notwendig, das Bild, das sich dem hellseherischen Blick darbietet für das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt, ungefähr so zu schildern, wie es sich in der Gegenwart durchschnittlich abspielt, wenn der Mensch stirbt und durch die geistige Welt einem neuen Dasein entgegenlebt.

Aber für eine umfassende okkulte Beobachtung

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ergibt sich durchaus, daß auch für diese Welt, die der Mensch durchlebt zwischen dem Tode und der neuen Geburt, das Wort «Geschichte» eine gute Bedeutung hat. Auch da geschieht geradeso etwas, wie hier in der physischen Welt. Und ebenso wie wir aufeinanderfolgende sich unterscheidende Ereignisse erzählen, wie wir etwa anfangen bei dem 4. Jahrtausend vor Christus und die Ereignisse schildern bis in unsere nachchristliche Zeit hinein, so müssen wir für die andere Zeit des Daseins ebenso eine «Geschichte» konstatieren, müssen uns auch da bewußt werden, daß das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt in der Zeit der ägyptischen, der altpersischen oder der uralt indischen Kultur nicht genau so war, wie es zum Beispiel in unserer Zeit ist.

Wenn man sich also zunächst eine vorläufige Vorstellung in unserer Gegenwart über das Kamaloka-Leben und über das Devachan-Leben gebildet hat, dann ist es wohl auch an der Zeit, diese Schilderungen auszudehnen und zu einer geschichtlichen Betrachtung dieser Welten vorzurücken. Und wir wollen, um uns über diese Dinge klar zu werden, wenn wir einiges über das Kapitel «okkulte Geschichte» vorführen, uns gleich an ganz bestimmte geistige Tatsachen halten. Wir müssen allerdings, um uns verständigen zu können, weit zurückgreifen, etwa bis in die atlantische Zeit zurück. Wir sind ja heute so weit, daß wir etwas für jeden Bekanntes voraussetzen, wenn wir von solchen Zeiten sprechen.

Wir fragen uns, wie in diesen Zeiten, in denen schon von Geburt und Tod die Rede sein kann, wie da das Leben des Menschen - um einen Ausdruck zu haben - im Jenseits sich ausnahm. Es unterschied sich das Leben im Jenseits damals von dem Leben im Diesseits ganz anders, als es sich heute unterscheidet. Wenn der Atlantier starb, was geschah da mit seiner Seele? Sie ging über in einen Zustand, wo sie sich im eminentesten Sinne geborgen fühite in einer geistigen Welt, in einer Welt höherer geistiger Individualitäten. Wir wissen ja, daß auch hier auf dieser physischen Erde das Leben des Atlantiers anders verlief als unser heutiges Leben. Der heutige Wechsel zwischen Wachen und Schlafen und das Unbewußtsein während der Nacht - es ist öfter davon gesprochen worden -, das war in der atlantischen Zeit nicht da. Während der Mensch hinüberschlummerte und während

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sich zurückzog von seinem Bewußtsein das Wissen der physischen Dinge um ihn herum, ging er ein in eine Welt des Geistigen. Da tauchte auf für ihn der Anblick von geistigen Wesenheiten. So wie er hier mit Pflanzen, Tieren, Menschen und so weiter zusammen ist bei Tag, so tauchte drüben auch während des Schlafbewußtseins auf eine Welt von niederen und höheren geistigen Wesenheiten in demselben Maße, als der Mensch einschlief. Der Mensch lebte sich in diese Welt hinein.

Und wenn der Atlantier mit dem Tode hinüberging in eine jenseitige Welt, dann tauchte um so heller diese Welt der geistigen Wesenheiten, der geistigen Geschehnisse auf. Der Mensch fühlte sich in diesen atlantischen Zeiten in seinem ganzen Bewußtsein viel mehr heimisch in diesen höheren Welten, in diesen Welten geistiger Begebenheiten und geistiger Wesenheiten als in der physischen Welt. Und wir dürfen nur in die ersten atlantischen Zeiten zurückgehen, da finden wir, daß die Menschen dieses physische Dasein so auffaßten - alle Ihre Seelen taten das so - wie einen Besuch in einer Welt, wo man eben eine Zeitlang verweilt, die aber anders ist als die eigentliche Heimat, welche nicht in dieser irdischen Sphäre verfloß.

Eines aber war in den atlantischen Zeiten eine Eigenartigkeit dieses Lebens zwischen dem Tode und der neuen Geburt, wovon sich der heutige Mensch schwer eine Vorstellung machen kann, weil er sie ganz verloren hat. Jene Fähigkeit, «Ich» zu sich zu sagen, sich als ein selbstbewußtes Wesen zu fühlen, sich als ein «Ich» zu empfinden, was das Wesentliche des heutigen Menschen ausmacht, das ging mit dem Verlassen der physischen Welt für den Atlantier ganz verloren. Indem er sich hinaufbewegte in die geistige Welt, sei es im Schlafe oder in höherem Maße während des Lebens zwischen dem Tode und der neuen Geburt, da setzte sich an die Stelle des Ich-Bewußtseins: «Ich bin ein selbstbewußtes Wesen», «ich bin in mir», an diese Stelle setzte sich das Bewußtsein: «Ich bin geborgen in den höheren Wesenheiten», «ich tauche gleichsam hinein in das Leben dieser höheren Wesenheiten selber». Eins fühlte sich der Mensch mit den höheren Wesenheiten, und in dem Sich-eins-Fühlen empfand er eine unendliche Seligkeit in diesem Jenseits. Und so wuchs seine Seligkeit immer mehr und mehr, je weiter er sich von dem Bewußtsein des physisch-sinnlichen

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Daseins entfernte. Es war ein beseligendes Leben, je weiter wir zurückgehen in der Zeit.

Und wir haben es öfter gehört, worin der Sinn der Menschheitsentwickelung in dem irdischen Dasein besteht. Er besteht darin, daß der Mensch immer mehr und mehr verstrickt wird mit dem physischen Dasein auf unserer Erde. Wenn der Mensch der atlantischen Zeit in dem Schlafbewußtsein sich im Jenseits ganz zu Hause fühlte, diese Welt als hell und klar und freundlich empfand, so war dafür auch sein Bewußtsein im Diesseits noch ein halb traumhaftes. Es war noch kein rechtes Besitzergreifen des physischen Leibes vorhanden. Wenn der Mensch aufwachte, vergass er in einer gewissen Beziehung die Götter und Geister, die er im Schlafe erlebt hatte, aber er lebte sich doch nicht so hinein in das physische Bewußtsein wie heute, wenn er des Morgens aufwacht. Die Gegenstände hatten noch keine klaren Umrisse.

Es war für den Atlantier immer so, wie wenn Sie an einem Nebelabend hinausgehen und die Straßenlaternen umgeben sehen mit einem Hof, mit einer Aura von allen möglichen Farben. So undeutlich waren alle Gegenstände des physischen Planes. Das Bewußtsein des physischen Planes war erst im Aufdämmern. Es war noch nicht das starke Bewußtsein des «Ich bin» in den Menschen hineingefahren. Erst gegen die letzten atlantischen Zeiten entwickelte sich immer mehr und mehr das menschliche Selbstbewußtsein, das Persönlichkeitsbewußtsein in dem Maße, als der Mensch jenes beseligende Bewußtsein im Schlafe verlor. Der Mensch eroberte sich nach und nach die physische Welt, er lernte immer mehr den Gebrauch seiner Sinne, und damit bekamen auch die Gegenstände der physischen Welt immer festere und bestimmtere Umrisse. In demselben Maße, als der Mensch sich die physische Welt eroberte, änderte sich aber auch das Bewußtsein drüben in der geistigen Welt.

Wir haben die verschiedenen Zeiträume der nachatlantischen Zeit verfolgt. Wir haben zurückgeschaut in die uralt indische Kultur. Wir haben gesehen, wie sich da der Mensch das Äußere so weit erobert hatte, daß er es als Maja empfand, daß er sich zurücksehnte in die Gefilde des alten geistigen Landes. Wir haben gesehen, wie in der persischen Kulturzeit die Eroberung des physischen Planes schon so

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weit gegangen war, daß der Mensch sich verbinden wollte mit den guten Kräften des Ormuzd, um die Kräfte der physischen Welt umzugestalten. Wir haben ferner gesehen, wie in der ägyptisch-babylonisch-chaldäisch-assyrischen Zeit die Menschen in der Feldmeßkunst, die zur Bearbeitung der Erde führte, oder auch in der Sternen-kunde die Mittel fanden, die sie weiterbrachten in der Eroberung der äußeren Welt. Und endlich sahen wir, wie die griechisch-lateinische Zeit noch weiter ging, wie in Griechenland jene schöne Ehe zustande kam zwischen dem Menschen und der physischen Welt, in der griechischen Städtebildung oder auch in der griechischen Kunst. Und wir sahen, wie im vierten Zeitraum das Persönliche, das so zum ersten Male da war, auftauchte im alten römischen Recht. Während sich der Mensch früher in einem Ganzen geborgen fühlte, was noch der Abglanz war früherer geistiger Wesenheiten, fühlte sich der Römer zuerst als der Erdenbürger. Der Begriff des Bürgers kam auf.

Die physische Welt war Stück für Stück erobert. Sie wurde aber auch dafür von dem Menschen lieb gewonnen. Die Neigungen und Sympathien des Menschen verbanden sich mit der physischen Welt, und in dem gleichen Maße, wie die Sympathie für die physische Welt wuchs, verband sich auch das Bewußtsein des Menschen mit den physischen Dingen. Aber in demselben Maße verdunkelte sich auch für den Menschen das Bewußtsein in dem Jenseits, in der Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Jenes beseligende Sich-geborgen-Fühlen in dem Dasein höherer geistiger Wesenheiten, das verlor der Mensch in demselben Maße im Jenseits, als er im Verlaufe der in der Geschichte sich folgenden Eroberungen der physischen Welt das Diesseits lieb gewann. Es wuchs von Stufe zu Stufe die Eroberung der physischen Welt durch den Menschen, immer neue Naturkräfte entdeckte er, immer neue Werkzeuge erfand er. Lieber und immer lieber gewann er dies Leben zwischen Geburt und Tod. Dafür aber verdunkelte sich sein altes dämmerhaftes Hellseherbewußtsein in der jenseitigen Welt. Es hörte niemals vollständig auf, aber es verdunkelte sich.

Und während sich der Mensch die physische Welt eroberte, stellt die Geschichte der jenseitigen Welt einen Niedergang dar. Dieser Niedergang steht im Verhältnis zu dem Heraufsteigen

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der Kultur, das wir schildern, wenn wir die Menschen in den ersten primitiven Kulturanfängen betrachten, wie sie zwischen zwei Reibsteinen sich ihr Getreide zerreiben, und dann sehen, wie sie von Stufe zu Stufe aufsteigen, wie sie die ersten Entdeckungen machen, sich Werkzeuge verschaffen und gebrauchen lernen, und wie das im Laufe der Zeit immer weiter vorwärtsschreitet. Immer reicher wird das Leben auf dem physischen Plan. Der Mensch lernt gigantische Bauten aufführen.

Aber indem wir so Geschichte schildern, durch die ägyptisch-babylonisch-chaldäisch-assyrische Zeit, durch die griechisch-römische Zeit hindurch bis in unsere Zeit, müssen wir allerdings einen Einschnitt machen, wenn wir einen kulturgeschichtlichen Fortgang schildern wollen. In demselben Maße müßten wir schildern einen Weg des Niederganges der Verbindung zwischen höheren Göttern und dem, was der Mensch den Göttern leisten durfte, was er tat im Sinne der geistigen Welt und inmitten der geistigen Welt. Und wir sehen, wie in den späteren Zeiten der Mensch immer mehr seine Verbindung mit den geistigen Welten und geistigen Fähigkeiten verliert. Wir müßten für das Jenseits ebenso eine Geschichte des Niederganges schreiben für die Menschen, wie wir für das Diesseits eine Geschichte des Aufschwunges, der fortlaufrnden Eroberung der physischen Welt schreiben können. So ergänzen sich sozusagen geistige Welt und physische Welt, oder noch besser gesagt: so bedingen sie sich.

Es gibt - wie Sie ja auch wissen - eine Beziehung zwischen dieser geistigen Welt und unserer physischen Welt. Es ist ja oft gesprochen worden von den großen Vermittlern zwischen der geistigen Welt und der physischen Welt, von den Eingeweihten, von denjenigen, die zwar im physischen Leibe verkörpert sind, aber dennoch mit ihrer Seele hinaufragen in die geistige Welt zwischen Geburt und Tod, wo sonst der Mensch ganz abgeschlossen ist von der geistigen Welt, die auch in dieser Zeit Erfahrungen machen können in der geistigen Welt, sich hineinleben können in die geistige Welt. Was waren sie für den Menschen, diese mehr oder weniger großen oder kleinen Boten der geistigen Welt, wenn wir von den Spitzen derselben reden, meinetwillen von den alten heiligen Rishis der Inder, von dem Buddha,

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dem Hermes, Zarathustra, Moses oder all denen, die in den älteren Zeiten die großen Gottesboten waren? Wenn wir von all denen sprechen, die so Gottes- oder Geistesboten für die Menschen waren, was waren sie in bezug auf das Verhältnis zwischen der physischen und der geistigen Welt?

Während ihrer Einweihung und durch ihre Einweihung erlebten sie die Verhältnisse der geistigen Welt. Sie konnten nicht nur mit ihren physischen Augen sehen und mit ihrem physischen Verstand wahrnehmen, was in der physischen Welt hier vorging, sondern sie konnten durch ihre gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit auch das wahrnehmen, was in der geistigen Welt vorgeht. Der Eingeweihte lebt nicht nur auf dem physischen Plan mit den Menschen, sondern er kann auch verfolgen, was die Toten tun in der Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Sie sind ihm ebenso vertraute Gestalten wie die Menschen auf dem physischen Plan. Daraus können Sie sehen, daß alles, was so erzählt wird als okkulte Geschichte, eben fließt aus den Erlebnissen der Eingeweihten.

Eine wichtige Wendung, auch für die von uns jetzt berührte Geschichte, tritt auf der Erde ein durch das Erscheinen des Christus. Und wir bekommen ein Bild von dem Fortrücken der Geschichte in der jenseitigen Welt, wenn wir uns fragen: Welche Bedeutung hat die Tat des Christus auf der Erde? Welche Bedeutung hat das Mysterium von Golgatha für die Geschichte im Jenseits?

An verschiedenen Orten konnte ich in manchen Vorträgen hinweisen auf die einschneidende Bedeutung des Ereignisses von Golgatha für die Entwickelung der Geschichte des physischen Planes. Fragen wir jetzt einmal: Wie stellt sich das Ereignis von Golgatha dar, wenn wir es betrachten von der Perspektive des Jenseits aus? Wir kommen zur Beantwortung dieser Frage, wenn wir gerade den Zeitpunkt der Entwickelung im Jenseits ins Auge fassen, wo die Menschen am meisten herausgetreten waren auf den physischen Plan, wo das Persönlichkeitsbewußtsein am stärksten sich entwickelt hatte: den Zeitpunkt der griechisch-lateinischen Zeit. Und das ist auch der Zeitpunkt des Erscheinens des Christus Jesus auf der Erde: Auf der einen Seite das intensivste Persönlichkeitsbewußtsein, die intensivste

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Freude an der sinnlichen Welt, auf der anderen Seite der stärkste, der gewaltigste Ruf nach der jenseitigen Welt in dem Ereignis von Golgatha,
und die größte Tat, die der Überwindung des Todes durch das Leben, wie es sich in diesem Ereignis von Golgatha darstellt.

Diese zwei Dinge fallen durchaus zusammen, wenn wir die physische Welt ins Auge fassen. Es war wirklich eine große Freude und eine gesteigerte Sympathie am äußeren Dasein in der griechischen Zeit. Nur solche Menschen konnten jene wunderbaren griechischen Tempel schaffen, in welchen, wie Ihnen geschildert worden ist, die Götter selber wohnten. Nur diese Menschen, die so in der physischen Welt standen, konnten jene Kunstwerke der Bildhauerei schaffen, wo eine so wunderbare Vermählung des Geistes mit der Materie zutage tritt. Dazu gehörte Freude und Sympathie für den physischen Plan. Die haben sich allmählich erst entwickelt, und wir spüren geradezu den Fortgang in der Geschichte, wenn wir vergleichen das Aufgehen des Griechen in der physischen Welt mit der erhabenen Weltanschauung, welche die ersten nachatlantischen Kulturmenschen von ihren heiligen Rishis entgegengenommen haben: Kein Interesse hatten diese an der physischen Welt, heimisch fühlten sich diese Menschen in der geistigen Welt, beseligt schauten sie noch hinauf in die Welt des Geistes, die sie zu erreichen suchten an der Hand der Lehren und Übungen, die ihnen die heiligen Rishis gaben.

Zwischen diesem Verschmähen der Sinnesfreude bis zu der größten Freude an der Sinneswelt in der griechisch-lateinischen Zeit liegt ein großes Stück menschlicher Geschichte - bis zu dem Punkt, wo jene Ehe zwischen dem Geiste und der Sinneswelt zustande gekommen ist, in der beide zu ihrem Rechte kamen.

Was aber war das Gegenstück zu dieser Eroberung des physischen Planes in der griechisch-lateinischen Zeit in der geistigen Welt? Wer da hineinschauen kann in die geistige Welt, der weiß, daß es nicht eine Sage ist, sondern daß es wirklich auf Wahrheit beruht, was die griechischen Dichter sagen von denen, die die besten Menschen ihrer Kultur waren. Diejenigen, welche sich so ganz mit ihren Sympathien drinnen fühlten in der physischen Welt, wie fühlten sie sich in der geistigen Welt?

Es ist durchaus der Wahrheit entsprechend, wenn

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einem solchen die Worte in den Mund gelegt werden: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten! Der dumpfeste, der am wenigsten intensive Bewußtseinszustand trat ein gerade in dieser Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt.
Bei aller Sympathie für die physische Welt verstand der Mensch nicht das Dasein in der jenseitigen Welt. Es kam ihm vor, als wenn er alles verloren hätte, und die geistige Welt schien ihm wertlos. In demselben Maße als die Sympathie für die physische Welt wuchs, in demselben Maße fühlten sich verloren drüben in der geistigen Welt die griechischen Helden. Und ein Agamemnon, ein Achill fühlten sich drüben wie ausgepreßte Wesen, wie ein Nichts in dieser Welt der Schatten.

Allerdings gab es dazwischen Zeiten - denn der Zusammenhang mit der geistigen Welt ist niemals ganz verlorengegangen -, in denen auch diese Menschen mit den geistigen Wesenheiten und geistigen Tätigkeiten leben konnten. Aber der Bewußtseinszustand, der eben angedeutet worden ist, war durchaus vorhanden. So haben wir eine Geschichte der jenseitigen Welt, eine Geschichte des Niederganges, wie wir eine Geschichte des Aufschwunges haben für die diesseitige Welt.

Diejenigen, welche als Gottes- oder Geistesboten genannt worden sind, haben immer die Möglichkeit gehabt, herüber und hinüber zu gehen, von der einen Welt in die andere. Versuchen wir uns einmal zu vergegenwärtigen, was diese Geistesboten in den vorchristlichen Zeiten den Menschen des physischen Planes waren. Sie waren diejenigen, welche aus ihren Erfahrungen in der geistigen Welt heraus den Menschen der alten Welt sagen konnten, wie es eigentlich in der geistigen Welt ist. Freilich erlebten sie auch da drüben das ausgelöschte Bewußtsein der physischen Erdenmenschen, dafür aber auch die ganze geistige Welt in ihrer glanzvollen Fülle. Und sie konnten den Erdenmenschen Nachricht bringen, daß es eine geistige Welt gibt, und ihnen sagen, wie sie ausschaut. Zeugnis konnten sie ablegen für diese geistige Welt. Das war in diesen Zeiten ganz besonders wichtig, wo die Menschen auf dem physischen Plan immer mehr und mehr herausgingen mit ihren Interessen auf den physischen Plan.

Und je mehr die Menschen die Erde eroberten, je mehr Freude und Sympathie

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sich einiebten in bezug auf die physische Welt, desto mehr auch mußten die Gottesboten immer betonen, daß die geistige Welt da ist. Sie konnten immer so sprechen: Dies und jenes wißt ihr von der Erde. Aber es gibt auch eine geistige Welt. Dies und das muß euch gesagt werden von der geistigen Welt! - Kurz, das ganze Tableau der geistigen Welt ist durch die Gottesboten den Menschen enthüllt worden. Die Menschen kannten es in den verschiedensten Religionen. Aber immer, wenn sozusagen diese Gottesboten herüberkamen nach ihrer Einweihung oder sonst nach einem Besuch in der geistigen Welt, da konnten sie für die physische Welt, die ja immer schöner und schöner für das Leben auf dem physischen Plan wurde, Erfrischungen und Erhebungen aus der geistigen Welt mitbringen, irgend etwas von den Schätzen der geistigen Welt. Da brachten sie die Früchte des geistigen Lebens hinein in das physische Leben. Immer war es so, daß durch das, was ihnen die Gottesboten brachten, die Menschen in den Geist hineingeführt wurden. Gewonnen hat die Welt des Physischen, das Diesseits, durch die Gottesboten und ihre Botschaften.

Nicht in demselben Maße konnten diese Gottesboten fruchtbar wirken für die jenseitige Welt. Sie können es sich durchaus so vorstellen: Wenn der Eingeweihte, der Gottesbote, hinübergeht in die jenseitige Welt, sind ihm die Wesen drüben geradeso Genossen wie die Wesen in der physischen Welt. Er kann zu ihnen sprechen und ihnen Mitteilung machen von dem, was in der physischen Welt vorgeht. Aber je mehr wir uns dem griechisch-lateinischen Zeitraume nähern, desto weniger Wertvolles konnte der Eingeweihte, wenn er von der Erde in das Jenseits hinüberkam, den Seelen im Jenseits bieten. Denn sie fühlten zu sehr den Verlust dessen, woran sie gehangen hatten in der physischen Welt. Nichts mehr war für sie wertvoll von dem, was ihnen der Eingeweihte erzählen konnte. So war in den vorchristlichen Zeiten im höchsten Grade fruchtbar das, was die Eingeweihten als ihre Botschaften den Menschen in der physischen Welt herüberbrachten, und so war für die geistige Welt unfruchtbar, was sie den Abgeschiedenen von der physischen Welt hinüberbringen konnten. Buddha, Hermes, Zarathustra, so große

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Botschaft sie den Menschen der physischen Welt brachten, so wenig konnten sie drüben erreichen. Denn sie konnten wenig erfreuliche und belebende Botschaften hinübertragen in das Jenseits.

Stellen wir jetzt das, was durch den Christus für das Jenseits geschah, was gerade sozusagen in der Zeit tiefster Dekadenz, wenn wir die okkulte Geschichte schildern, in der griechisch-lateinischen Zeit für das Jenseits der Fall ist, stellen wir das mit dem zusammen, was vorher durch die Eingeweihten geschah. Wir wissen, was das Ereignis von Golgatha für die Erdengeschichte bedeutet. Wir wissen, daß es die Besiegung des irdischen Todes durch das Leben des Geistes ist, die Überwindung allen Todes durch die Erdenevolution. Wenn wir auch heute nicht auf alles eingehen können, was das Mysterium von Golgatha bedeutet, so können wir es doch in ein paar Worten zusammenfassen: Es bedeutet den endgültigen und unumstößlichen Tatsachenbeweis, daß das Leben den Tod besiegt. Und auf Golgatha hat das Leben den Tod besiegt, hat der Geist den Keim zur endgültigen Besiegung der Materie gelegt!

Was im Evangelium erzählt wird über jenen Besuch, den der Christus nach dem Ereignis von Golgatha in der Unterwelt bei den Toten getan hat, das ist nicht eine Legende oder ein Symbolum. Die okkulte Forschung zeigt Ihnen, daß es eine Wahrheit ist. Ebenso wahr, wie der Christus unter den Menschen in den drei letzten Jahren des Jesus-Lebens gewandelt hat, ebenso konnten sich die Toten seines Besuches erfreuen. Unmittelbar nach dem Ereignis von Golgatha erschien er den Toten, den abgeschiedenen Seelen. Das ist eine okkulte Wahrheit. Und jetzt konnte er ihnen sagen, daß in der physischen Welt drüben der Geist unumstößlich den Sieg über die Materie davongetragen hat!

Das war eine Lichtflamme in der jenseitigen Welt für die abgeschiedenen Seelen, die wie geistig-elektrisch einschlug und das erstorbene Jenseitsbewußtsein der griechisch-lateinischen Zeit anregte, eine ganz neue Phase beginnend für die Menschen zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Und immer heller und heller wurde seit jener Zeit das Bewußtsein des Menschen zwischen dem Tode und der neuen Geburt.

So können wir, wenn wir Geschichte schildern, die Angaben über die Gegenwartsverhältnisse durch das ergänzen, was wir über Kamaloka

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und über das Devachanieben zu sagen haben, und wir müssen darauf hinweisen, daß durch das Erscheinen des Christus auf der Erde eine ganz neue Phase beginnt für das Jenseitsleben, daß die Frucht dessen, was der Christus für die Erdenevolution geleistet hat, sich auslebt in einer radikalen Änderung des Jenseitslebens. Dieser Besuch des Christus im Jenseits bedeutet Ungeheures, eine Auffrischung des Lebens im Jenseits zwischen Tod und neuer Geburt. Seit jener Zeit fühlten sich die Abgeschiedenen, die sich in diesem wichtigen Augenblick der griechisch-lateinischen Zeit, trotz aller ihrer Freude für die physische Welt, wie Schatten empfanden, so daß sie lieber Bettler sein wollten in der Oberwelt, als Könige im Reiche der Schatten, sie fühlten sich jetzt immer mehr und mehr heimisch werdend im Jenseits. Und seither ist das der Fall, daß die Menschen immer mehr und mehr hineinwachsen in die geistige Welt, und eine Periode des Aufstieges, des Aufblühens in der geistigen Welt war damit angebrochen.

So haben wir einmal das Ereignis von Golgatha von dem Gesichtspunkte der anderen Welt aus - wenn auch nur skizzenhaft - berührt und zu gleicher Zeit darauf hingewiesen, daß es eine Geschichte für die geistige Welt geradeso gibt wie eine Geschichte für die physische Welt. Und erst dadurch, daß wir diese wirklichen Beziehungen zwischen der physischen Welt und der geistigen Welt erforschen, wird die eine Welt auch für die andere Welt im Menschenleben fruchtbar. Immer werden wir sehen, was wir gewinnen für die Betrachtung des Menschenlebens auf der Erde, wenn wir die wahren Eigenschaften der geistigen Welt vor uns hinstellen.