Ausgewählte Zyklen und Vorträge aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiners

 

Rudolf Steiner (1861-1925):

GA 105 Welt, Erde und Mensch

3. Vortrag Stuttgart, 6. August 1908

Das Wirken von Gruppenseelen in den Naturreichen und im Menschenreich.

Wenn wir in den kommenden Auseinandersetzungen uns die Beziehungen zwischen Welt, Erde und Mensch vor Augen führen wollen, dann wird es notwendig sein, daß wir uns heute manches vor die Seele stellen, was uns eine Art Grundlage dazu liefert. Wir müssen ja bedenken, daß, wenn wir uns nur unserer äußeren Sinne und des an die Sinne gebundenen Verstandes bedienen, wir dann im Grunde genommen sehr wenig überschauen können. Das gilt sowohl von der Erde wie von dem Menschen, und in höherem Maße noch von dem Weltall. Wir müssen uns klar sein darüber, daß ein großer Teil des Wesentlichsten den äußeren Sinnen wie auch der äußeren Verstandesbetrachtung überhaupt verborgen bleibt. Daher wollen wir zunächst auf einiges hindeuten, was von den uns umgebenden Wesenheiten im Verborgenen vorhanden ist. Dabei wird mancherlei erwähnt werden müssen, was vielen von Ihnen schon bekannt ist, aber zum Verfolgen des ganzen großen tatsächlichen Zusammenhangs ist es notwendig, daß wir uns vorher alle diese Dinge noch einmal vor die Seele führen. Vor allen Dingen müssen wir uns einmal umschauen auf dem Weltenkörper, den wir zunächst bewohnen und der im Mittelpunkt unserer Betrachtung liegen wird: unsere Erde.

Wir haben gestern ein Stück unserer Erdenentwickelung im Zusammenhange mit der ganzen Erdenentwickelung betrachtet; wir haben gesehen, wie sich im Laufe dieser Entwickelung Wesenheiten in immer anderer Weise betätigt haben, von jenem Zeitpunkt an, wo Erde und Sonne noch einen Körper bildeten, bis in unsere Zeit hinein. Und wir haben gesehen, wie in der nachatlantischen Zeit die Menschen in der Erkenntnis und im religiösen Bewußtsein alles das wiederholen, was die ganze Erde im Laufe ihrer Entwickelung durchgemacht hat.

Nun aber müssen wir auf diese Erde immer tiefer eingehen. In der sichtbaren Welt umgibt uns zunächst in bezug auf unsere Erde die Gesamtheit dessen, was wir die vier Reiche der Natur nennen: das mineralische Reich, das pflanzliche, das tierische und das menschliche Reich. Aber

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der Mensch ist nicht bloß das materiell-physische Wesen, von dem uns die äußeren Sinne Kunde geben, das uns der Verstand der äußeren Wissenschaft beschreibt und erklärt, sondern er ist eine komplizierte Wesenheit, die sich aus dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib und dem Ich aufbaut. Das alles wissen wir ja.

Wenn wir nun den Blick über die anderen Wesen der Erdenreiche hinschweifen lassen, dann müssen wir uns vor allen Dingen dessen bewußt sein, daß diese Ausdrücke - physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich - nicht etwa bedeutungslos für die anderen Wesenheiten sind, sondern daß sie im Gegenteil ihre gute Bedeutung haben. Wenn wir im Physischen bleiben, können wir von allen Erdenwesen ja zunächst nur dem Menschen eine Ich-Wesenheit zuschreiben. Hier in dieser physischen Welt hat nur der Mensch ein selbstbewußtes Ich.

Bei den Tieren ist es ein ganz anderes Verhältnis; das Tier hat nicht in derselben Weise sein Ich in der physischen Welt wie der Mensch. Wenn wir das Tier in seinem Unterschiede von dem Menschen betrachten, dann müssen wir zunächst sagen: Während jeder Mensch als einzelne, innerhalb seiner Haut abgeschlossene Individualität sein Ich hat, hat das einzelne Tier nicht sein Ich, sondern es ist so, daß immer gewisse Gruppen gleichgestalteter Tiere zusammen ein Ich haben.

So haben zum Beispiel alle Löwen oder alle Bären zusammen ein Ich, und wir nennen daher ein solches Ich der tierischen Welt ein Gruppen-Ich. Des Menschen Ich begegnet uns in der physischen Welt; wenn wir es auch nicht mit den Augen sehen können, es ist in jedem Menschen sozusagen innerhalb seiner Haut vorhanden. Bei dem Tiere ist das nicht der Fall, das Gruppen-Ich begegnet uns nicht in der physischen Welt. Um uns nun eine Vorstellung von einem solchen Gruppen-Ich zu verschaffen, denken Sie sich einmal, vor mir stünde eine Wand, und in dieser Wand wären zehn Löcher. Ich strecke meine zehn Finger durch die Löcher und bewege sie. Nun können Sie meine zehn Finger sehen, mich selbst aber nicht, und Sie werden sich ohne weiteres sagen, daß diese Finger sich nicht von selbst bewegen, sondern daß da irgend etwas Verborgenes sein muß, was die Bewegung verursacht; mit anderen Worten: Sie vermuten eine Wesenheit, die zu den zehn Fingern gehört. Dieser Vergleich führt uns auf das Gruppenhafte, auf das Seelenartige beim Tiere.

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Die vielen Löwen hier auf dem physischen Plane sind Wesen, die uns in einer gewissen Beziehung auch etwas verbergen. So wie sich die Zentralwesenheit zu den zehn Fingern hinter der Wand verbirgt, so verbirgt sich auch hier etwas, was allen Löwen gemeinsam ist, und zwar aus dem Grunde, weil es in der physischen Welt überhaupt nicht vorhanden ist.

Dasselbe Ich-Wesen, das beim Menschen in der physischen Welt vorhanden ist, befindet sich beim Tier in der astralischen Welt: das Tier hat sein Gruppen-Ich in der astralischen Welt. Wenn wir uns schematisch die Beziehung des Tieres zu seinem Ich vorstellen wollen, so müssen wir uns eine Grenze zwischen der physischen und der astralischen Welt denken; beim Menschen ist das Ich unten in der physischen Welt, beim Tier dagegen ist nur der physische Leib, der Ätherleib und der Astralleib in der physischen Welt. Das vierte Glied, das Ich, ist nicht wie beim Menschen in der physischen Welt. Von jedem einzelnen Tiere erstreckt sich eine Fortsetzung in die astralische Welt hinein, und da gehen diese Fortsetzungen zusammen und bilden dort das Kleid, die Hülle für das tierische Gruppen-Ich, sagen wir für das Löwen-Ich. Dieses Gruppen-Ich lebt als einzelne Persönlichkeit auf dem Astralplane wie das menschliche individuelle Ich hier auf dem physischen Plane.

Schematisch ausgedrückt: Wenn der Hellseher den astralischen Plan betritt, so begegnet er dort den tierischen «Ichen»

Gruppen-Ich der Tiere als einzelnen Wesenheiten, die ihre Glieder in die physische Welt vorstrecken. Nun dürfen Sie aber freilich sich die Sache nicht bloß schematisch vorstellen, sondern Sie müssen sich daran gewöhnen, sie sich in ihrer wirklichen Tatsächlichkeit vorzustellen. Sie müssen sich klar darüber sein, daß wir nicht in eine andere Region zu gehen haben, um in die astralische Welt hineinzukommen, denn diese astralische Welt

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durchdringt unsere physische Welt; es handelt sich nur darum, daß wir mit geöffneten astralischen Sinnen in sie hineinblicken können.

Nun fragen wir: Wie sieht denn der Hellseher die Gruppen-Iche der Tiere? - Der Hellseher nimmt das Gruppen-Ich einer der höheren Tiergattungen zum Beispiel dadurch wahr, daß er längs des Rückgrats des Tieres etwas wie einen helleuchtenden Streifen sieht. Es durchziehen unseren Luftkreis in der Tat nicht nur die materiellen Strömungen, die wir kennen, sondern nach allen Seiten wird er auch von wirklichen Strömungen astralischer Art durchzogen. Der Hellseher sieht, wenn sein geistiges Auge geöffnet ist, unsere Erde von vielerlei Strömungen durchzogen, und in solchen Strömungen lernt er erkennen die Gruppen-Iche der Tiere.

Als zweites tritt die Frage an uns heran: Haben denn auch die niedrigeren Wesen, wie zum Beispiel die Pflanzen, etwas von einem Ich? - Ja, auch sie haben ein Ich.

Wenn der Hellseher die Pflanze untersucht, so findet er folgendes: Das, was in der physischen Welt da ist, ist nichts anderes als eine Zusammenfügung von physischem und Ätherleib. Denken wir uns, daß wir hier die Oberfläche der Erde haben (es wird ge­zeichnet); hier die Wurzel einer Pflanze, den Stengel, die Blätter und die Blüte. Was da in der physischen Welt herauswächst, hat nicht wie der Mensch physischen, Äther-, Astralleib und Ich, sondern nur physischen Leib und Ätherleib. Das Tier hat auf dieser Welt noch seinen Astralleib, die Pflanze nicht. Aber Sie dürfen daraus nicht schließen, daß das, was als Astralisches Sie erfüllt und auch in dem Tiere tätig ist, bei der Pflanze nicht tätig ware. Für das geöffnete Auge des Hellsehers wird die Pflanze umglüht und umstrahlt, und zwar vorzugsweise umstrahlt von astralischen Substanzen. Und diese sind es auch, die da mitwirken an der Bildung der Blüte. Während also die Pflanze von Blatt zu Blatt wächst durch den Einfluß des Ätherleibes, wird sie oben in der Blüte abgeschlossen dadurch, daß sie umspült wird von astralischer Substanz.

Jede Pflanze, die in die Höhe wächst, sieht der Hellseher so von dieser astralischen Substanz umgeben. Aber es ist noch etwas anderes bei dieser Pflanze vorhanden - das Ich. Wollen wir das Ich der Pflanze fassen, so müssen wir es im Mittelpunkt der Erde suchen. Dort haben

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alle Pflanzen ihr Ich, das ist eine wichtige und wesentliche Wahrheit.

Während wir also die Iche der Tiere die Erde umkreisen sehen, müssen wir, um das Pflanzen-Ich wahrzunehmen, den Blick hinlenken zum Mittelpunkt der Erde. Und in der Tat, wenn der hellseherische Blick vordringt zu solchem Anschauen der Pflanze, dann erweitert sich die Erde, die ja dem Menschen sonst nur wie ein materielles Gebilde gegenübersteht, zu einem Organismus, der in der Mitte sein Ich hat; und dieses Ich besteht aus allen Pflanzen-Ichen zusammen.

Die Erde ist beseelt mit einem Ich, und geradeso wie Ihr Kopf Haare trägt, die also aus Ihrem Wesen herauswachsen, so wachsen die Pflanzen aus dem Wesen der Erde heraus und gehören zum gesamten Erdenorganismus. Und wenn Sie eine Pflanze mit der Wurzel aus der Erde herausreißen, so tut das der gesamten Erde weh, so empfindet die Pflanzenseele Schmerz. Das ist eine Tatsache. Dagegen dürfen Sie nicht glauben, daß es der Erde weh tut, wenn man etwa die Blüte abpflückt; da findet das Entgegengesetzte statt.

Wenn Sie zum Beispiel im Herbste sehen, wie der Schnitter durch die Kornhalme fährt, so sieht der hellseherische Blick, wie über die Erde hinstreichen ganze Ströme von Wohlgefühlen. Sie dürfen dabei keine moralischen Einwände geltend machen. Sie könnten zum Beispiel sagen: Ist es denn eine geringere Sünde, wenn das Kind alle möglichen Pflanzen ganz unnütz abreißt, als wenn man eine Pflanze sorgfältig und mit guter Absicht versetzt? - Die Tatsachen bleiben bestehen. Entwurzeln Sie eine Pflanze, so tut es der Erde weh, schneiden Sie eine Pflanze ab, so tut es der Erde wohl. Denn die Erde gibt gern her, was sie an der Oberfläche trägt, und wenn die Tiere über den Erdboden gehen und die Pflanzen abgrasen, dann empfindet sie es als ein Wohlgefühl; ähnlich wie es die Kuh empfindet, wenn das Kalb an ihrer Brust saugt. Das ist durchaus eine okkulte Tatsache.

Das, was als Pflanze aus der Erde herauswächst und oben von dem Astralleib umstrahlt wird, das ist für die Erde dasselbe wie die von den tierischen Lebewesen hingegebene Milch. Das alles sind keine bloßen Vergleiche, sondern wirkliche Tatsachen. Wer mit hellseherischem Blick in die astralische Welt hineinsehen kann, sieht aber noch nichts von dem Ich der Pflanze, dazu gehört ein höheres Hellsehen, das in die devachanische Welt hineinzuschauen vermag. Wir müssen also sagen, die Gruppen-Iche

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der Tiere sind in der astralischen Welt, während das Ich der Pflanze sich in der devachanischen Welt befindet.

Und nun stellt sich uns von selbst die Frage: Wie steht es denn mit der mineralischen Welt? Wie steht es mit dem sogenannten toten Gestein? Hat auch das etwas wie ein Ich oder wie höhere Glieder? - Wenn wir den Stein betrachten, so finden wir, daß er in dieser Welt nur den physischen Leib hat. Der Ätherleib des Minerals umgibt das Mineral und hüllt es von allen Seiten ein. Wenn Sie zum Beispiel einen Bergkristall nehmen, so müssen Sie sich vorstellen, daß diese ganze Form ausgespart ist, wie ein ätherischer Hohlraum ist, und daß erst da, wo die physische Substanz aufhört, das Ätherische beginnt; wie die Pflanze oben von dem Astralischen umspült wird, so ist das Mineral von allen Seiten vom Ätherischen umgeben.

Dieses Ätherische ist zu Hause in der Astralwelt, merken Sie wohl auf, hier haben wir ein Ätherisches, das in der Astralwelt zu Hause ist. Die Dinge sind in Wirklichkeit komplizierter, als man gewöhnlich denkt. Nicht etwa ist es so, daß in der astralischen Welt alles astralisch ist; das ist ebensowenig der Fall, wie in der physischen Welt alles physisch ist. Sie haben zum Beispiel auf dem physischen Plane, in der physischen Welt den Ätherleib, den Astralleib und sogar das Ich des Menschen. So sieht auch der Hellseher den Ätherleib des Minerals in der astralischen Welt.

Wo ist nun der Astralleib des Minerals?

Er nimmt sich aus wie ganz eigentümlich geformte Strahlen. Denken Sie sich solche Strahlen, die sich wie Spitzen in den Ätherleib hineinbohren, denken Sie sich solche Lichtgebilde, welche immer breiter und breiter werden, und dann sich sozusagen hineinbohren in den Ätherleib des Minerals. So haben Sie astralische Strahlenfiguren, die von jedem Mineral ausstrahlen. Ein Ende finden Sie da nicht, denn diese Figuren strahlen ins Unbestimmte in den Weltenraum hinaus. Wenn Sie also einen Bergkristall betrachten, so sehen Sie zunächst den Raum, der physisch ausgefüllt ist; hellseherisch sehen Sie die physische Form umgeben vom Lichte des Ätherleibes und dann wie eingebohrt allerlei Strahlengebilde, die sich nach allen Seiten hin unendlich hinauserstrekken in den Raum. Hier wird Ihnen der Blick erweitert von jedem Punkte des Raumes, der von irgendeiner mineralischen Substanz erfüllt

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ist, in das Unendliche hinaus.

Kein Punkt des Raumes, der außer Zusammenhang mit dem Weltall wäre. Es ist, wie wenn jedes einzelne in unserer Welt an tausend und tausend Lichtfäden geistiger Art hinge, Lichtfäden, die sich in den unendlichen Raum hinaus erstrecken, und Sie können sich vorstellen, wenn sich das immer mehr und mehr erweitert, wie dann alle diese Lichter ineinanderfließen müssen.

Und in der Tat, wenn Sie ein Mineral hellseherisch betrachten, so stellt sich Ihnen dieser Anblick dar: Sie sehen den physischen Leib umstrahlt von den Lichtfiguren des Ätherleibes; dann sehen Sie Strahlen, die sich immer mehr und mehr erweitern, hinausgehen in den Weltenraum; Sie sehen sie verschwinden wie in einer Hohlkugel; von jedem Mineral aus können Sie sich den Mittelpunkt denken von einer solchen Hohlkugel, und diese sind überall, in der ganzen Welt vorhanden. Solche Hohlkugeln stecken ineinander, und wenn wir uns vorstellen, daß sich das hellseherische Vermögen mehr und mehr erhebt bis dahin, wo diese Strahlen sich vereinigen, da kommen wir zu dem, wo uns von allen Seiten des Weltenraumes entgegenstrahlen die Iche der Mineralien. Dem hellseherischen Vermögen zeigen sich diese Iche, wenn es die höheren Partien des devachanischen Planes betritt. Während die Strahlen selbst in den niederen Partien sind, also auch der Astralleib, ist das Ich in der höchsten devachanischen Welt.

So haben wir also eine Übersicht über die verschiedenen Reiche.

In einer gewissen Beziehung sind deshalb die Mineralien hier auf der Erde in der entgegengesetzten Lage wie der Mensch. Der Mensch hat sein Ich drinnen, innerhalb der Haut eingeschlossen, der Mensch ist, jeder für sich, ein Zentrum, ein Menschenzentrum. Die Pflanzen bilden schon ein weiteres Zentrum; alle zusammen bilden sie ein Erdenzentrum, und die Mineralien bilden in ihren Ichen den Umkreis unserer Weltensphäre. Daher ist das menschliche Ich überall Mittelpunkt, wo der Mensch steht; das mineralische Ich ist überall im Umkreise: genau das Entgegengesetzte wie beim Menschen.

Und nun werden Sie es begreiflich

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finden, wenn ich sage, daß das Mineral als Seele in einer ganz anderen Lage ist als zum Beispiel die Menschen- oder Tierseele. Wenn Sie ein Mineral zerschlagen, so empfindet es nicht Schmerz, sondern im Gegenteil Lust und Wollust, und ganze Ströme von Wollust entströmen einem Steinbruch, wenn das Gestein zerschlagen und zersplittert wird. Dagegen würde es einen ungeheuren Schmerz verursachen, wenn Sie all das Zersplitterte, all das Abgespaltete wieder zusammensetzen wollten.

Sie können das an einem anderen Vorgange verfolgen. Denken Sie sich ein Glas mit warmem Wasser, Sie werfen ein Stück Salz hinein. Indem sich das Salz auflöst, löst sich nicht nur Materie auf, sondern Wohlgefühl erfüllt das warme Wasser, Wollust im Zerreißen der mineralischen Teile beim Auflösen. Wenn Sie aber nun das Wasser abkühlen, so daß das Salz sich wieder kristallisiert, dann ist dieser Vorgang mit Schmerzgefühl verbunden.

Solche Dinge haben die Eingeweihten immer gewußt, und sie haben es auch den Menschen immer gesagt. Die Menschen müssen es nur verstehen lernen. Einer der großen Eingeweihten hat gerade darüber Bedeutsames gesprochen. Denken wir uns einmal, wie es einst im Erdenwerden war. Heute wandeln wir auf einer festen Erde umher; aber das war nicht immer so. Wenn wir die Erde in ihrer Entwickelung zurückverfolgen, so finden wir, daß sie immer weicher wird, zuletzt flüssig und sogar dampfförmig. Alles, was heute Festes, Mineralisches ist, hat sich herauskristallisiert aus der einst flüssigen Erde. Damit der Mensch auf dieser Erde wandeln könne, mußte sich verfestigen, was weich und flüssig war.

Zum Menschendasein war notwendig, daß die Erde in ihrem mineralischen Wesen Unendliches durchgemacht hat an Schmerz, denn unendlicher Schmerz war verknüpft mit diesem Festwerden der Erdenmasse. Deshalb sagt Paulus mit Bezug auf diese Tatsache: «Alle Kreatur seufzet unter Schmerzen, der Annahme an Kindesstatt harrend.» Das heißt, es mußte unter Schmerzen sich die Erde verfestigen, der Mineralgrund sich bilden, damit der Mensch in Gottes Kindschaft angenommen werden konnte.

Die Schriften, die von wirklichen Eingeweihten stammen, sind so, daß der Mensch keineswegs die Achtung vor ihnen zu verlieren braucht, wenn er sie wirklich kennenlernt; mit tiefen Schauern wird ihn jede Zeile der inspirierten Bibelschrift erfüllen, wenn er durch Geistes-

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weisheit ihren Sinn erkennt. In einem solchen Worte: «Alle Kreatur seufzet unter Schmerzen» liegen Weltengeheimnisse verborgen. Allerdings werden solche Wahrheiten erst wieder fruchtbar werden für die Menschheit, wenn sie in das Gefühl eingedrungen sind. Nicht nur abstrakt, mit dem Verstande, dürfen sie begriffen werden, sondern sie müssen einverleibt werden eindringen in die wirkliche Erkenntnis.

Betrachten wir noch einmal die Pflanze, wie der physische Leib herauswächst, oben umglüht vom Astralleib, mit ihrem Ich im Mittelpunkt der Erde. Lassen Sie mich noch einmal auf das Wesentliche der Sache hinweisen. Was tut denn dieser Astralleib, der von außen die Blüte umhüllt? Er tut wirklich etwas, was von Bedeutung ist im Leben der Pflanze, und wir werden es verstehen, wenn wir ein wenig tiefer noch in das geistige Gefüge unseres Erdendaseins hineinblicken.

Wir haben gestern gesehen, daß es eine Zeit gab, wo Erde und Sonne noch einen Körper bildeten. Der Mensch lebte schon damals, wenn auch unter ganz anderen Bedingungen als heute; er hatte ein dumpfes hellseherisches Bewußtsein; sein Organismus war so, daß er in dieser Erden-Sonnenmasse leben konnte. Heute ist er so organisiert, daß, wenn der Sonnenstrahl zu ihm kommt und in sein Auge fällt, er dann diesen Sonnenstrahl sieht. Das heißt, er sieht den von außen an ihn herandringenden Sonnenstrahl, oder er sieht durch den Sonnenstrahl.

Aber so war es nicht, als der Mensch noch mit der Erde in der Sonne war. Da sah er den Sonnenstrahl sozusagen von innen, er sah die seelischen Kräfte, die den Sonnenstrahl durchdrangen - und wissen Sie, was diese Seelenkräfte waren? Der Sonnenstrahl ist durchdrungen von derselben Kraft, die wir in unserem eigenen Astralleibe haben. Das physische Licht ist nur der äußere Leib des astralischen Lichtes, das von der Sonne ausstrahlt, und in Wahrheit ist das, was da oben den Pflanzenleib umglimmt, astralisch innig verbunden mit dem, was an Astralischem von der Sonne kommt. Sie haben einen Wunsch, einen Willen, weil Sie einen Astralleib haben. Hier ist Wunsch, Wille, Gefühl, was oben die Pflanzenblüte umspült. Was will denn das, was die Blüte umspült? Es will einsaugen aufnehmen die Seele des Sonnenstrahls, und mit der Seele das Reinste, das Ich und es ist die Fortsetzung des Sonnenstrahles, was durch die Pflanze zum Mittelpunkt der Erde geht.

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In dieser Tätigkeit des geistigen Inhaltes des Sonnenstrahls, der durch die Pflanze hindurch zum Mittelpunkt der Erde geht, drückt sich die Tätigkeit des Ichs der Pflanze aus. So wirken Geist, Pflanze und Sonne zusammen. Es werden in der Tat die geistigen Kräfte, die in der Sonne liegen, fort und fort der Erde zugeführt, und wodurch? Durch jene die Pflanzenblüte umspülenden Astralkörper, die sich sehnen nach der Seele des Sonnenstrahls, die sie lechzend aufnehmen und hinuntersenken durch ihren Leib hindurch in die Erde; Das, was sich äußerlich abspielt in der physischen Welt durch die Einwirkung der Sonnenstrahlen, das ist nur die eine Seite, die andere aber ist, was in der Pflanze seelisch wirkt und was sich lechzend sehnt nach der Seele des Lichts, die in dem Sonnenstrahle der Erde zuströmt.

Und nun werden Sie begreifen, wie diese Dinge praktisch werden können. Denken Sie sich einen Menschen der fernen Zukunft, der das, was eben gesagt worden ist von den sehnsüchtigen Wünschen der Pflanzen, die Sonnenseele einzusaugen, einer jeden Pflanze gegenüber empfindet. Dieser Mensch wird auf einer höheren, spirituellen Stufe etwas haben, was das Tier auf einer niedrigen Stufe hat, wenn es über eine Weide geht und die Pflanzen, die ihm gerade taugen, abpflückt und die anderen stehen läßt. Ein unbewußter Instinkt, das heißt in Wirklichkeit höhere Geister, lenken das Tier.

In bewußter Weise wird der Mensch der Zukunft sich den Pflanzen nähern, die ihm taugen; nicht wie heute, wo er nachdenkt, was die beste Substanz für seinen Leib gibt, sondern einen lebendigen Bezug wird er haben zu jeder einzelnen Pflanze, denn er wird wissen, daß, was die Pflanzen eingesogen haben, auch als solches in ihn übergeht. Das Essen wird nicht eine niedrige Beschäftigung für ihn sein, sondern etwas, was mit Seele und Geist vollbracht wird, weil er wissen wird, daß alles, was er verzehrt, die äußere Gestalt für ein Seelisches ist.

Für unsere Zeit, für unser Zwischenzeitalter, wo die Menschen nicht so viel wissen können von den lebendigen seelischen Beziehungen zwischen sich und der Welt, mußten allerlei Surrogate geschaffen werden. Warum haben zu allen Zeiten die Eingeweihten den Menschen dazu angehalten, zu beten vor dem Essen? Das Gebet sollte nichts anderes sein als eine Dokumentierung dafür, daß beim Essen ein Geistiges in den Menschen einfließt.

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So sehen wir die Empfindungs- und Gefühlswelt eine andere werden, wenn der Mensch wirkliche Weisheit in sich aufnimmt. Mit einer Sicherheit, wie auf niederer Stufe der Instinkt des Tieres, wird der Mensch in strahlender, heller Klarheit wissen, was er tut; er wird es wissen, weil er die Seele dessen erkennen wird, was er mit sich vereint. Selbst bis in dies Gebiet hinunter können wir verfolgen, welch einen praktischen Wert die Geisteswissenschaft für die Zukunft hat.

Und so betrachten wir nun die Welt mit ganz anderen Empfindungen. Wir sehen die Erde nicht nur als einen Weltkörper an, der von den Sonnenstrahlen beschienen wird, sondern ein Lebewesen wird sie uns, das durch den Mantel der astralischen Pflanzenhülle die Seele der Sonne einsaugt; und wir sehen, daß das ganze Weltall durchzogen ist von den Ichen der Mineralien, alles wird beseelt und durchgeistigt.

Aber, wir können noch weitergehen. Wir haben die vier Reiche gefunden: Mineral-, Pflanzen-, Tier- und Menschenreich. Aber damit ist es nicht zu Ende. Das sind nur diejenigen Reiche, welche der Mensch in seiner normalen Entwickelung sehen kann. Wir haben schon früher darauf aufmerksam gemacht, daß der Mensch zum Beispiel in der atlantischen Zeit Genosse von solchen Wesenheiten war, die nur einen Ätherleib als dichtestes Gebilde hatten. Das, was als Erinnerung geblieben ist in den Sagen der Völker, die Gestalten eines Zeus, eines Apollo, sie waren wirkliche Gestalten für die alten Atlantier; während des Schlafzustandes haben sie mit ihnen zusammen gelebt.

Solche Wesen gibt es durchaus, die nicht bis zur fleischlichen Verkörperung heruntergestiegen sind. Und so können wir vom Menschen hinaufblicken zu höheren Reichen, und da sind es zunächst drei Reiche, die uns interessieren. Wir nennen sie im Sinne der christlichen Esoterik: dasjenige Reich, das an das menschliche Reich unmittelbar angrenzt, das Reich der Engel oder Angeloi; man nennt sie auch die Geister des Zwielichts. Dann ein zweites, höheres Reich über den Engeln ist das Reich der Erzengel oder Archangeloi oder auch der Feuergeister; und endlich ein noch höheres Reich, das der Urkräfte, Urbeginne oder Archai, auch die Geister der Persönlichkeit genannt.

Das sind also drei Reiche über dem Menschen, und nun wollen wir uns über das Leben dieser Reiche einiges klarmachen. Sie spielen in unser Leben durchaus hinein: wie der Mensch

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in das Leben der Pflanzen hineinspielt, wenn er die Erde bebaut, so spielen diese höheren Reiche herein in das Menschenreich.

Wir werden uns das am besten klarmachen können, wenn wir folgendes betrachten: Gegenwärtig hat der Mensch ein Ich, einen Astralleib, einen Ätherleib und einen physischen Leib. Wie geschieht nun die Weiterentwickelung? Dadurch, daß der Mensch an sich selbst mehr und mehr arbeitet. Heute ist das Ich des Menschen in vieler Beziehung noch ohnmächtig gegenüber den anderen Gliedern seiner Wesenheit. Denken Sie nur daran, wie der heutige Mensch vielfach nicht imstande ist, seine Leidenschaften zu beherrschen und von ihnen, also von seinem astralischen Leib, beherrscht wird. Es ist ein großer Unterschied unter den Menschen in dieser Beziehung. Der eine ist ganz hingegeben seinen astralischen Kräften, seinen Leidenschaften. Betrachten Sie den Wilden, der seine Mitmenschen frißt, und vergleichen Sie ihn mit dem heutigen europäischen Kulturmenschen; und dann betrachten Sie einen hohen Idealen nach­strebenden Menschen, wie Schiller oder Franz von Assisi. Sie sehen, es ist eine Fortentwickelung, die darin besteht, daß die Menschen immer mehr und mehr lernen, ihren Astralleib vom Ich aus zu beherrschen.

Und es wird eine Zeit kommen, wo das Ich den Astralleib ganz beherrscht, ihn durchglüht und durchzieht. Dann wird der Mensch ein höheres Glied ausgebildet haben, das wir Manas oder Geistselbst nennen. Es ist nichts anderes als der durch das Ich umgewandelte Astralleib.

Wenn wir den heutigen Menschen betrachten, so müssen wir sagen, sein Astralleib besteht eigentlich aus zwei Teilen, aus dem, was er schon umgewandelt hat, was unter der Herrschaft des Ichs steht, und dem, was sein Ich noch nicht beherrschen kann. Dieser Teil ist noch von anderen, niederen Kräften und Trieben erfüllt, und wenn das Ich diese hinaustreibt, fügt es dem astralischen Leibe allerlei Kräfte hinzu. Damit aber der Astralleib überhaupt erhalten bleibe, damit er nicht durch das Niedere zerstört werde, muß er immer noch durchdrungen, durchsetzt sein von höheren Wesenheiten, die ihn heute so beherrschen können, wie einst der Mensch es tun wird, wenn er am Ziele seiner Entwickelung angelangt sein wird. Diese Wesen, die die Aufgabe haben, den vom Menschen unbeherrschten Teil seines Astralleibes zu beherrschen, stehen eine Stufe höher als der Mensch, es sind die Engel oder

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Geister des Zwielichts. In der Tat wacht sozusagen über jedem Menschen ein solch höherer Geist, der über seinen Astralleib Macht hat, und es ist nicht bloß eine kindliche Vorstellung, sondern eine tiefe Weisheit, wenn man von Schutzengeln spricht. Sie haben eine große Aufgabe, diese Schutzengel.

Betrachten wir den Gang eines Menschenlebens über die Erde in seiner Gesamtheit. Wir wissen, es geht durch viele Verkörperungen hindurch. Einmal, in einem gewissen Punkte der Erdentwickelung, beginnt der Mensch als Seelen-Ich in seiner ersten Inkarnation auf der Erde zu leben. Dann stirbt er, es kommt eine Zwischenzeit, dann eine neue Verkörperung, und so geht es fort von Inkarnation zu Inkarnation, und das wird erst in einem fernen Punkte der menschlichen Entwickelung sein Ende haben. Dann wird der Mensch durch alle Inkarnationen hindurchgegangen sein, und dann wird er auch die Fähigkeit erlangt haben, seinen astralischen Leib vollkommen zu beherrschen.

Das kann er nicht früher, als bis er durch alle Inkarnationen hindurchgegangen ist, wenigstens nicht in normaler Entwickelung. Da verfolgt nun ein solcher höherer Geist das Innerste der Menschennatur, was sich von Inkarnation zu Inkarnation zieht, und leitet den Menschen von Inkarnation zu Inkarnation, so daß er seine Erdenmission wirklich erfüllen kann. Es ist in der Tat so, wie wenn der Mensch seit dem Beginn seiner Erdenwanderung hinaufsehen könnte nach einem erhabenen Geist, der sein Vorbild ist, der ganz seinen astralischen Leib beherrschen kann, der ihm sagt: So mußt du sein, wenn du einst aus dieser Erdentwickelung heraustrittst. - Das ist die Aufgabe der sogenannten Geister des Engelreiches, die Inkarnationen der Menschen zu leiten. Und ob man sagt, der Mensch blickt auf zu seinem höheren Selbst, dem er immer ähnlicher werden soll, oder ob man sagt, er schaue zu seinem Engel als zu seinem großen Vorbilde hinauf, das ist im Grunde genommen geistig ganz dasselbe.

Und dann, wenn der Mensch weiterarbeitet, wird er den Ätherleib umgestalten zu Buddhi oder Lebensgeist; bewußt wird er es einst tun, aber auch heute schon arbeitet er unbewußt daran. Um so mehr müssen heute höhere Geisteswelten mitwirken in allen Menschen-Ätherleibern, und die Feuergeister sind es, die diese Arbeit verrichten.

Nun sind aber

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die Ätherleiber der Menschheit nicht so individuell verschieden wie die Astralleiber. Jeder Mensch hat seine besonderen Tugenden oder Untugenden, aber in bezug auf das, was mit dem Ätherleib zusammenhängt, herrscht eine gewisse Gleichheit; wir sehen das an den Eigenschaften, die mit der Rasse, mit dem Volkstum zu tun haben. Und deshalb sehen wir auch, daß in bezug auf seinen Ätherleib nicht jeder Mensch seinen Erzengel hat, sondern es sind Volksstämme, Rassen, die von höheren und niederen Feuergeistern geleitet werden.

Die Völker und Rassen unserer Erde werden in der Tat gemeinschaftlich gelenkt von jenen Geistern, die man die Erzengel oder Feuergeister nennt. Da erweitert sich Ihr Blick auf etwas, was für viele Menschen recht abstrakt ist, was aber für den, der in geistige Welten hineinsieht, etwas sehr Konkretes darstellt. Wenn jemand heute vom Volksgeist oder von der Volksseele spricht, so hält er das für irgendeine Abstraktion. Für den okkulten Beobachter ist das nicht so. Da ist das ganze Volk wie gemeinsam hineingebettet in eine geistige Substanz, und diese geistige Substanz ist der Leib eines Feuergeistes. Und wie unsere Erde gelenkt und geleitet wird von alten grauen Zeiten her bis auf uns, von Volk zu Volk, von Rasse zu Rasse, da sind es die sozusagen über die Entwickelung hinschreitenden Feuergeister, die in den Volksseelen ihren Leib haben und die den Gang der Erdentwickelung also leiten.

Und dann gibt es noch etwas, was von solchen Gemeinschaften wie Volk und Rasse unabhängig ist. Betrachten wir unsere heutige Zeit, wie vieles unabhängig von solchen Gemeinschaften ist; und blicken wir zurück zum Beispiel auf die Zeiten des 12. Jahrhunderts. Da sehen wir, wie gewisse geistige Angelegenheiten sich bei allen Völkern Europas in gleicher Weise abspielen, wir sehen etwas, was übergreifend ist über die Volksgeister - man hat den Namen Zeitgeist dafür geprägt. Aber dieser Zeitgeist ist in Wirklichkeit vorhanden, und er ist der Leib für noch höhere Wesenheiten, er ist der Leib von den Geistern der Persönlichkeit, von den Urbeginnen.

Und jetzt sehen wir, wie unsere Erde gleichsam eingebettet ist in eine geistige Atmosphäre. Sie läßt aus mineralischen Gebilden heraus die Pflanze hervorsprießen, Tiere und Menschen wandeln auf ihr; sie selbst aber ist wie eingehüllt von erhabenen geistigen Wesenheiten: von Geistern,

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die den einzelnen Menschen lenken; von Geistern, die die Leiter und Führer der Volks- und Rassengemeinschaften sind, und von denen, die den Zeitgeist hinüberlenken von einer Epoche zur anderen.

So haben wir heute einmal versucht, uns einen Überblick zu verschaffen über das, was unsere Erde, ja was unsere Welt in geistiger Beziehung ist und wie der Mensch mit alldem zusammenhängt. Und damit haben wir eine Grundlage geschaffen, um wirklich mit Nutzen zu betrachten, was wir über das Verhältnis von Welt, Erde und Mensch zu sagen haben werden.