Ausgewählte Zyklen und Vorträge aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiners

 

Rudolf Steiner (1861-1925):

GA 93 Die Tempellegende und die Goldene Legende

Vortrag Stuttgart 10. Juni 1904

Der Gegensatz von Kain und Abel.
Das sündige Geschlecht der Rakshasas, hervorgehend aus der Verbindung von Göttersöhnen mit Menschentöchtern.

Schon das letzte Mal habe ich darauf hingedeutet, daß sich in der Geschichte von Kain und Abel eine ganze Summe von okkulten Ge­heimnissen verbirgt. Auf einiges möchte ich heute hinweisen, aber gleich von vornherein betonen, daß das Verhältnis von Kain und Abel - allerdings in seiner Tiefe erfaßt - eine Allegorie für außerordentlich tiefe Geheimnisse ist, und wir nur imstande sein werden, aus den Voraussetzungen, die wir haben, einiges zu erkennen.

Wenn wir die fünf Bücher Moses verfolgen, so werden wir darin so manches finden, das geradezu hinweist auf die Entwickelung der Menschheit seit der lemurischen Zeit. Die Erzählung zum Beispiel von Adam und Eva und ihren Nachkommen ist nicht etwa einfach und naiv hinzunehmen. Ich bitte dabei zu berücksichtigen, daß wir es namentlich in den fünf Büchern Moses, im Enoch, in den Psalmen und einigen anderen wichtigen Kapiteln des Evangeliums, in dem Hebräerbriefe, in einigen Paulusbriefen und in der Apokalypse, durchaus mit Schriften von Eingeweihten zu tun haben, so daß wir in diesen Schriften einen okkulten Kern zu suchen haben.

In den okkulten Schulen wurde überall über diesen Kern gesprochen. Wer nicht gedankenlos - im höheren Sinn gedankenlos - die Bibel liest, dem wird manches auffallen. Und ich möchte Sie auf etwas aufmerksam machen, was sehr leicht übersehen werden kann, aber einfach wörtlich gelesen werden muß, um zu sehen, daß hier nichts umsonst steht, und daß leicht in der Bibel über etwas hinweggelesen werden kann.

Nehmen Sie den ersten Satz im fünften Kapitel des ersten Buch Moses:

«Dies ist das Buch von des Menschen Geschlecht. Da Gott den Menschen schuf, machte er ihn in Ähnlichkeit Gottes: Männlich-weiblich schuf er sie, segnete sie und nannte ihren Namen, in diesen Tagen, da er sie geschaffen hatte. Als Adam hundertdreißig Jahre gelebt hatte, zeugte er in seiner Ähnlichkeit, nach seinem Ebenbilde und nannte die Frucht auf den Namen Seth.»


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Man muß wörtlich lesen. Adam selbst wird genannt ein Mensch schlechthin. Männlich-weiblich schuf Gott sie; noch nicht geschlechtlich, ungeschlechtlich. Und wie schuf er sie? In Gottes Ähnlichkeit.

Und außerdem im zweiten Satz: «Nach so und so viel Jahren» - es sind da lange Zeiträume vorzustellen - «zeugte Adam einen Sohn, Seth, nach seinem Ebenbild.» Im Anfang der adamitischen Zeit haben wir den Menschen nach Gottes Ebenbild, am Ende der adamitischen Zeit nach Adams Ebenbild, nach menschlichem Ebenbild. Früher war der Mensch dem Ebenbilde Gottes gemäß geschaffen. Später war er Adams Ebenbild.

Wir haben also im Anfange Menschen, die alle untereinander gleich sind, und alle sind sie nach dem Ebenbilde der Gottheit geschaffen. Sie pflanzten sich auf ungeschlechtlichem Wege fort. Wir müssen uns klar sein darüber, daß sie alle noch immer dieselbe Form haben, wie sie sie vom Ursprung her haben, so daß der Vater dem Sohn und der Enkel wieder dem Sohn ähnlich sehen.

Was erst macht es, daß die Menschen sich ändern, sich differenzieren? Wodurch werden sie verschieden? Dadurch, daß an der Fortpflanzung zwei beteiligt sind. Der Sohn oder die Tochter, sie sehen auf der einen Seite dem Vater, auf der anderen Seite der Mutter ähnlich.

Denken Sie sich nun, Sie hätten eine ursprüngliche götterähnliche Rasse, und die pflanzte sich fort nicht dadurch, daß sie geschlechtlich, sondern ungeschlechtlich war: Der Nachkomme sieht immer der vorhergehenden Generation ähnlich. Es tritt keine Vermischung ein.

Die Verschiedenheit trat erst auf als die Seth-Zeit kam.

Zwischen die Zeit von Adam und Seth aber fällt etwas anderes. Nämlich bevor der Übergang stattfindet von Adam zu Seth, werden zwei geboren, die wiederum wichtige Repräsentanten sind: Kain und Abel. Die stehen dazwischen, sind Übergangsprodukte. Sie sind noch nicht in der Zeit geboren, wo ausgesprochen der Charakter der geschlechtlichen Fortpflanzung vorhanden war. Das können wir entnehmen aus dem, was «Abel» und «Kain» heißt.

so daß in Kain und Abel

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einander gegenüberstehen das Männliche und das Weibliche. Noch nicht im rein Organischen: auf einer höheren, geistigen Stufe neigen sie zur Differenzierung.

Nun bitte ich Sie, das genau festzuhalten. Ursprünglich war die Menschheit männlich-weiblich. Später wurde sie geschieden in das männliche und das weibliche Geschlecht. Das Männliche, Materielle haben wir in Kain, das Weibliche, Geistige in Abel-Seth. Die Diffe­renzierung hat stattgefunden. Das ist symbolisiert in den Worten: Kain war ein Bebauer des Bodens und Abel war ein Hirte (1. Moses 4,2).

«Boden» heißt in den urältesten Sprachen so viel wie physischer Plan, und die drei Aggregatzustände des physischen Planes sind: die feste Erde, das Wasser und die Luft. «Kain wurde ein Ackerbauer», heißt in seiner urältesten Bedeutung: er lernte leben auf dem phy­sischen Plan, er wurde Mensch auf dem physischen Plane. Das war der Charakter des Männlichen.

Er bestand darin, daß er stark und kräftig war, um die Scholle des physischen Planes zu bearbeiten, und dann zurückzukehren von dem physischen zu den höheren Planen.

«Abel war ein Hirte.» Als Hirte nimmt man das Leben, wie es einem der Schöpfer darbietet. Man arbeitet die Herden nicht aus, sondern hütet sie bloß. Dadurch ist er der Repräsentant jenes Geschlechtes, das den Geist nicht durch den selbständig arbeitenden Verstand erlangt, sondern den Geist als Offenbarung von der Gottheit selber empfängt, ihn bloß hütet.

Nun kommt der Gegensatz, wie sie sich zur Gottheit verhalten. Abel empfängt das Geistige und bringt als Opfer das Beste, die höchste Frucht des Geistes dar. Gott wendet selbstverständlich - weil es ja das ist, was er selbst auf die Erde gepflanzt hat - mit Wohlgefallen seinen Blick auf das Opfer. Kain macht auf etwas anderes Anspruch. Er will sich mit den Produkten seines Verstandes an die Gottheit wenden. Das ist etwas, was der Gottheit ganz fremd ist, etwas, was der Mensch in seiner Freiheit sich errungen hat.


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Kain ist der zu den Künsten und Wissenschaften strebende Mensch. Zunächst hat das keine Verwandtschaft mit der Gottheit. Eine tiefe Wahrheit ist damit ausgedrückt. Wer im Okkulten Erfahrung hat, der weiß, daß die Künste und Wissenschaften, trotzdem sie die Menschen frei gemacht haben, nicht das waren, was die Menschen zu dem Geistigen geführt hat; sie waren es gerade, was die Menschen weggeführt hat von dem eigentlich Spirituellen.

Die Künste sind etwas, was auf dem eigenen Grund und Boden des Menschen, auf dem physischen Plan erwachsen ist. Das kann der Gottheit zunächst nicht wohlgefällig sein. Daraus entspringt der Gegensatz, daß der «Rauch», der Geist, den Gott selbst in die Erde gepflanzt hat, von Abel zur Gottheit emporstrebt, und daß der andere, der «Rauch» von Kain, auf der Erde bleibt. Das Selbständige bleibt auf der Erde, wie der Rauch des Kain.

Das ist auch der Gegensatz zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen. Weiblich ist das, was inspiriert ist von dem, was von der Gottheit unmittelbar empfangen wird. Pneuma wird durch die Empfängnis errungen. Das, was Kain zu geben hat, ist menschliche Arbeit auf dem physischen Plan selbst. Das ist der Gegensatz zwischen dem weiblichen und dem männlichen Geist. Diese beiden stehen sich hier ursprünglich gegenüber.

Jeder Mensch ist nicht nur physisch, sondern auch geistig Mann und Weib zugleich; er ist empfangender, sich inspirieren-lassender Geist und das das Inspirierte verarbeitende, kombinierende Intellektuelle zugleich. Jetzt trennte sich das - wir brauchen in dem Weib­lichen und Männlichen weiterhin nur ein Symbol zu sehen -, jetzt ging das Inspirationsprinzip auf diejenigen über, welche auf dem Standpunkte des Abel waren, auf die, welche Hirten und Priester blieben. Auf die anderen ging das Inspirationsprinzip nicht über; sie wurden dem Weltlichen zugewandte Wissenschafter und Künstler und beschränkten sich rein auf den physischen Plan.

Das hätte nicht stattfinden können, ohne daß auch im Menschen eine Veränderung stattgefunden hat. Als der Mensch noch Mann-Weib war, da wäre es ihm nicht möglich gewesen, eine Trennung zu bewirken in spirituelle Weisheit und in intellektuelle Wissenschaft.

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Erst dadurch, daß der Mensch endgültig getrennt wurde in zwei Geschlechter, erst dadurch, daß die Menschheit geteilt wurde durch das Geschlechtliche, wurde das Gehirn auf den Standpunkt gebracht, daß es wirken konnte. Das Gehirn[denken] wurde männlich, die tiefere Wesenheit [Weisheit?] wurde das Weibliche. Der Mensch kann nur produzieren innerhalb seiner physischen Natur. Da bringt er etwas hervor, nämlich Nachkommen. Aber ein Geist, insofern er im Gehirn ist, ist männlich und produktiv auf den physischen Plan beschränkt. Dafür haben wir in Kain und Abel die repräsentative Darstellung.

Dadurch nun, daß diese Spaltung eingetreten ist, ist es gekommen, daß in der Fortpflanzung des Menschengeschlechtes die Nachkom­men nicht mehr bloß dem Vorfahren als solchem ähnlich sehen, sondern daß sie sich differenzierten.

Ich bitte Sie, sich das Folgende vorzuhalten. Je größere Bedeutung das Sexuelle hat, desto mehr tritt Differenzierung auf. Wenn wir reine ungeschlechtliche Fortpflanzung vor uns hätten, so würden die nächsten Generationen den vorhergehenden ähnlich sehen. Eine Verschiedenheit in der Zeitfolge würde nicht stattfinden. Die Verschiedenheit entsteht nur dadurch, daß Vermischung stattfindet.

Und wodurch wurde diese Vermischung möglich gemacht? Dadurch, daß das Männliche sich dem physischen Plane verschrieb. Kain wurde derjenige, welcher den Boden beackerte und veränderte. Diese äußere Verschiedenheit der Generationen wäre nicht in die Menschheit hineingekommen, wenn nicht ein Teil der Menschen heruntergestiegen wäre bis zum physischen Plan. Da war es nicht mehr wie früher, wo die Produktion von den höheren Planen heruntergestiegen ist. Jetzt wurde etwas verwoben in den Menschen dadurch, daß er sich etwas vom Physischen herausholte. Jetzt wird er ein Ebenbild dessen, was er auf dern physischen Plan erworben hat, und der Mensch trägt es hinauf zu den höheren Planen. Das Physische ist das Kainszeichen. Der physische Plan, in seiner Wirkung auf den Menschen, ist ihm als Kainszeichen aufgedrückt.

Jetzt ist der Mensch mit der Erde völlig verbunden, so daß ein Gegensatz zwischen Kain und Abel, ein Gegensatz zwischen Göttersohn und Sohn des physischen Planes ist, wobei die Söhne von Abel-Seth (...)

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die Göttersöhne, die Söhne Kains die Söhne des physischen Planes darstellen.

Sie werden nun begreifen, daß das Ereignis von Kain und Abel zwischen Adam und Seth hineinfällt. Es ist da ein neues Prinzip in den Menschen eingetreten, das Prinzip der Erblichkeit, der Erbsünde, des der vorhergehenden Generation Unähnlichseins.


Göttersöhne sind aber noch geblieben. Nicht alle Abels sind aus der Welt geschafft. Und nun sehen wir, was auf die Erde gekommen ist dadurch, daß Kain auf die Frage: «Wo ist dein Bruder Abel?» antwortet: «Bin ich denn der Hüter meines Bruders?» - Das hätte früher niemals ein Mensch gesagt. Das sagt nur ein Verstand, der gleichsam wie akustisch [?] auf das Spirituelle reagiert. Jetzt mischt sich das Prinzip des Kampfes, das Prinzip des Gegensatzes in das Prinzip der Liebe; jetzt ist der Egoismus geboren: «Bin ich denn der Hüter meines Bruders ?»

Die Abels, die geblieben sind, die waren die Göttersöhne; sie blieben dem Göttlichen verwandt. Aber sie mußten sich jetzt hüten, ein­zugehen in das Irdische. Und damit begann das Prinzip, das für denjenigen, der sich dem Göttlichen geweiht hat, zum Prinzip der Askese wird. Eine Sünde wird es, wenn er sich verbindet mit denjenigen, welche sich der Erde geweiht haben. Eine Sünde ist es, wenn «die Göttersöhne Gefallen finden an den Töchtern der Menschen aus dem Geschlechte des Kain».

Daraus ging ein Geschlecht hervor, das gewöhnlich in den öffentlichen Büchern des Alten Testamentes nicht einmal erwähnt, sondern nur angedeutet wird: ein Geschlecht, das für physische Augen nicht wahrnehmbar ist. Es wird in der okkulten Sprache «Rakshasas» ge­nannt und ist ähnlich den «Asuras» der Inder. Es sind das teuflische Wesen, die wirklich vorhanden waren und verführend auf die Men­schen wirkten, so daß das menschliche Geschlecht selbst herabkam.

Diese «Poussade» [Liebschaft, Flirt] der Göttersöhne mit den Töchtern der Menschen gab ein Geschlecht, welches besonders verführend wurde für die vierte Unterrasse der Atlantier, die Turanier, und zum Untergange des Menschengeschlechtes führte. Einiges wird hinübergerettet in die neue Welt. Die Sintflut ist die Flut, welche Atlantis vernichtet hat.


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Die Menschen, die verführt waren von den Rakshasas, waren nach und nach verschwunden.

Jetzt muß ich etwas sagen, was Ihnen jedenfalls sehr eigenartig erscheinen wird, was aber unendlich wichtig ist zu wissen, was von einer ganz besonderen Bedeutung ist und ein okkultes Geheimnis durch viele Jahrhunderte hindurch war für die Außenwelt, und was für den Verstand der meisten unglaublich erscheinen wird, aber trotzdem wahr ist. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß jeder Okkultist sich oft überzeugt in dem, was wir die Akasha-Chronik nennen, ob das so ist. Aber es ist so.

Diese Rakshasas sind vorhanden, sie sind wirklich vorhanden gewesen - tätig, aktiv - als Verführer der Menschen. Sie haben gewirkt auf die menschlichen Leidenschaften bis zu dem Zeitpunkte, wo sich in Jesus von Nazareth der Christus inkarnierte und in einer menschlichen Leiblichkeit das Buddhiprinzip selbst gegenwärtig geworden ist auf der Erde.

Nun mögen Sie das glauben oder nicht: das hat eine kosmische Bedeutung, das hat eine Bedeutung, die hinausreicht über den irdischen Plan. Die Bibel drückt das nicht umsonst so aus: Christus ist in die Vorhölle hinabgestiegen. - Da waren nicht mehr menschliche Wesen, er hatte es mit geistigen Wesen zu tun. Die Wesen der Rakshasas kamen dadurch in einen Zustand der Lähmung und Lethargie. Sie wurden gleichsam im Zaume gehalten, so daß sie unbeweglich wurden.

Dies konnten sie nur dadurch werden, daß ihnen von zwei Seiten her entgegengewirkt wurde. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn in Jesus von Nazareth nicht zwei Naturen vereinigt gewesen wären: auf der einen Seite der alte Chela, der ganz verbunden war mit dem physischen Plan, der auch auf dem physischen Plane wirken konnte und durch seine Kräfte ihn im Gleichgewicht halten konnte, und auf der anderen Seite der Christus selbst, ein reines Geistwesen.

Das ist das kosmische Problem, das dem Christentum zugrunde liegt. Es ist damals auf okkultem Felde etwas geschehen; es ist dies die Bannung der Feinde des Menschentums, nachklingend in der Sage des Antichrist, der gefesselt wurde, aber wieder erscheinen wird, wenn ihm nicht das christliche Prinzip in seiner Ursprünglichkeit wieder entgegentritt.


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Der ganze Okkultismus des Mittelalters strebte darnach, die Wirkung der Rakshasas nicht heraufkommen zu lassen. Diejenigen, wel­che auf höheren Planen sehen können, haben schon längst vorhergesehen, daß der Zeitpunkt, wo es geschehen kann, am Ende des 19. Jahrhunderts, an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, eintreten kann.

Nostradamus, der in einem Turm arbeitete, der oben offen war, der auch Hilfe in der Pest brachte, war imstande, die Zukunft vorherzusagen. Er schrieb eine Anzahl prophetischer Verse, in denen Sie den Krieg von 1870 und manches über Marie-Antoinette als bereits erfüllte Prophezeiungen nachlesen können.

In diesen Centurien des Nostradamus steht auch folgendes (Centurie 10,75): Wenn das 19. Jahrhundert zu Ende sein wird, wird einer der Hermesbrüder von Asien erscheinen und wird die Menschheit wieder vereinen. - Die Theosophlsche Gesellschaft ist nichts anderes als eine Erfüllung dieser Prophezeiung des Nostradamus. Die Entgegenwirkung gegen die Rakshasas und die ursprünglichen Mysterien wieder aufzurichten, ist ein Bestreben der Theosophischen Gesellschaft.

Sie wissen, daß Jesus Christus nach dem Tode noch zehn Jahre auf der Erde geblieben ist. Die «Pistis-Sophia» enthält die tiefsten theosophischen Lehren, sie ist viel tiefer als Sinnetts «Esoterischer Buddhismus». Jesus war immer und immer wieder inkarniert. Ihm fällt die Aufgabe zu, das Mysterienprinzip wieder zu beleben. Dahinter steckt nicht eine kulturgeschichtliche oder physische Tatsache, sondern die Tatsache, die ich Ihnen, als dem Okkultisten wohlbekannt, auseinandergesetzt habe: der Kampf gegen die Rakshasas. Sie sehen, hier liegt ein großes und wichtiges okkultes Geheimnis verborgen.

Sie können mich nun fragen: Warum wird das in allegorischer Form gesagt und nicht in offener Sprache?

Ich muß hier darauf aufmerk­sam machen, daß diejenigen, welche große Lehrer der Menschheit waren, wie Moses, die indischen Rishis, Hermes, Christus, die ersten christlichen Lehrer, auf dem Standpunkte des Prinzips der Reinkarnation gestanden haben. Und diese allegorische Art der Mitteilung hat einen guten Sinn.

Wenn zum Beispiel die Druidenpriester von «Nebelheim», von dem «Riesen Ymir» und so weiter erzählten, so war das natürlich keine Volksdichtung. Der Druidenpriester wußte vielmehr:

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der Menschengeist, dem ich heute die Märchen einpräge, wird, wenn er sich wieder inkarnieren wird, dazu vorbereitet sein, die Wahr­heit in einer vollkommeneren Form zu erfassen. Alle diese Märchen sind unter der Voraussetzung gemacht, daß der Geist sich wieder inkarniert, um dann eben später die Wahrheit um so leichter zu erfassen.

Diesen Märchen liegt nicht der Glaube, sondern die Erkenntnis, die Erfahrung der Reinkarnation zugrunde. Sogar die Verleugnung der Reinkarnation - vom dritten Jahrhundert des Christentums an - ist unter der Voraussetzung der Reinkarnation geschehen, weil man die Menschen so recht herunterziehen wollte in Kama-Manas, ungefähr so viel, bis alles Geistige durch die Inkarnation durchgegangen ist.

Daher hatte das Christentum 1500 Jahre kein Wissen von der Reinkarnation. Wollten wir die Reinkarnationslehre weiter vorenthalten, so würden wir den Menschen ein zweites Mal diese Kenntnis vorenthalten. Das wäre aber eine große Sünde, eine Versündigung an der Menschheit. Die einmalige Vorenthaltung war aber schon notwendig, denn das eine Leben zwischen Geburt und Tod mußte den Menschen auch wertvoll gemacht werden.