Ausgewählte Zyklen und Vorträge aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiners

 

Rudolf Steiner (1861-1925):

GA 138 Von der Initiation - Von Ewigkeit und Augenblick - Von Geisteslicht und Lebensdunkel

4. Vortrag München, 28. August 1912

Erfahrungen beim Aufwachen im Äther-, dann im Astralleib: Ängstlichkeit bzw. Einsamkeit. Schritte zur Überwindung.

Wir brauchen, um zu den Aufgaben dieses kurzen Vortragszyklus zu kommen, solche Vorstellungen, wie wir sie gestern gewonnen haben, und noch einige, die wir eben haben müssen, wenn wir charakterisieren wollen, was vorgestern in dem programmatischen Vortrage angedeutet worden ist.

Sie werden finden, daß überall, wo in der Literatur oder sonstwo von der Initiation gesprochen wird, irgendwie jenes Rätsel berührt wird, das allem Menschlichen so naheliegt: das Rätsel vom Tode. Und Sie werden finden, daß in alledem, was man Berichte nennen könnte, darauf hingewiesen wird, daß der zu Initiierende auf einer gewissen Stufe so etwas in einer etwas anderen Form durchzumachen hat, wie der Durchgang durch die Pforte des Todes es eben ist.

Diese Berichte beruhen für den Okkultisten tatsächlich auf Wahrheit. Denn die Erfahrungen, die beim Aufstieg in die geistigen Welten durchzumachen sind, berühren sich mit denselben Erfahrungen, die der Mensch durchzumachen hat beim naturgemäßen Übergange vom Leben im Sinnenleibe zu jenem andersartigen Leben, das in einer ganz anderen Umhüllung stattfindet zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn man so recht herankommen will an dasjenige, um was es sich dabei handelt, muß man zuerst fragen: Als was weiß sich denn eigentlich der Mensch im gewöhnlichen Leben? - Es ist vielleicht nicht gerade interessant, eine so abstrakte Frage aufzuwerfen, aber zum Verständnis des Initiationsvorganges ist es schon notwendig, diese Frage ins Auge zu fassen: Als was weiß sich denn die Seele?

Was sie während des Schlafes ist, das weiß ja die Seele nicht, denn entweder verläuft der Schlaf in Bewußtlosigkeit, oder aber es spielen in den Schlaf herein Träume, die ja erst durch den Okkultismus gedeutet werden müssen, wenn man sie in der richtigen Weise verstehen will. Bei der Frage: Was ist sich der Mensch, was ist seine Seele im gewöhnlichen Sinnensein? - kann also doch nur die Frage des

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Tageslebens in Betracht kommen.

Nun wissen wir, daß zunächst jene Tore da sind, welche wir unsere Sinnesorgane nennen, durch welche die Farben- und Lichtwelt, die Tonwelt, die Geruchwelt, Wärme und Kälte und so weiter in unsere Seele hereinströmen, und was wir im Sinnensein unsere Welt nennen, ist ja im Grunde genommen nur eine Zusammenfassung alles dessen, was eben durch die Tore unserer Sinne einströmt. Dann haben wir das Instrument unseres Verstandes, unserer Empfindungen, unseres Wollens; mit dem verarbeiten wir, was in der äußeren Welt uns entgegentritt. Es treten in unserer Seele auf Begierden, Wünsche, Strebungen, Befriedigungen, Unbefriedigungen, Beseligungen, Enttäuschungen und so weiter, und wenn wir den ganzen Umfang dessen, als was sich der Mensch weiß, eigentlich ins Auge fassen, so ist es alles dieses. Wenn man für das gewöhnliche Leben erkennen will, was Innenwelt ist, so kann man eigentlich nichts anderes anführen als die Summe dessen, was jetzt charakterisiert worden ist.

Dabei kann sich der Mensch auch von außen betrachten. Er kann seinen Leib betrachten. Er wird sich durch die mannigfaltigsten Tatsachen, die jetzt nicht im einzelnen ausgeführt zu werden brauchen, bewußt, daß er seinen Leib als sein Werkzeug für das wache Tagesleben während des Lebens zwischen Geburt und Tod anzusehen hat. Es spielen in dieses Leben Sehnsüchte herein, die wir schon berührt haben; es spielt herein die Sehnsucht zu wissen, was der Mensch eigentlich innerhalb der Grenzen von Geburt und Tod ist, die Sehnsucht herauszukommen aus dem, was man das Lebensdunkel nennen könnte. Aber darüber hinaus hat eben der Mensch zunächst nichts, hat zunächst nicht im gewöhnlichen Sinnensein Erlebnisse. Seine Erlebnisse sind eben so, daß die auf- und ablaufenden Triebe, Begierden, Sinnesempfindungen, Vorstellungen, Verstandeskombinationen und so weiter das wache Tagesleben erfüllen. Knüpfen wir nun daran dasjenige an, was uns am Schlusse unseres gestrigen Vortrages entgegengetreten ist.

Wir haben darauf aufmerksam gemacht, wie der Mensch, wenn er an die Grenze zwischen Sinnensein und Geistessein kommt, seine Vorstellungen ändern muß, wie er zurücklassen muß, was er gedacht

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hat über häßlich und schön, über wahr und falsch, über gut und böse, weil diese Begriffe eine ganz andere Bedeutung und einen nach ganz anderen Richtungen hin gehenden Wert erhalten, wenn man die geistigen Welten betritt. Daraus schon können wir eine Idee bekommen, wie wir uns wandeln müssen, wenn wir in die geistigen Welten eintreten wollen.

Nun, nachdem wir beobachtet haben, als was sich der Mensch weiß im wachen Tagesleben zwischen Geburt und Tod, können wir uns mit Beziehung auf das gestern Gesagte einmal fragen: Was kann der Mensch von alledem, als was er sich so weiß, mitnehmen über die Grenze, wo der Hüter der Schwelle steht? Was kann er von allem, was er an Trieben, Begierden und Leidenschaften im Sinnensein erlebt und erfährt, von seinen Empfindungen und Vorstellungen, von Verstandesbegriffen und Urteilen, die er durchmacht, mit hinübernehmen über die Grenze, wo der Hüter der Schwelle steht?

Ja, es gehört zu den ersten Schritten der Initiation, daß der Mensch erfährt: von alledem, was man so anführen kann, was man selber ist, kann man gar nichts mitnehmen! Und es ist nicht etwa übertrieben oder paradox gesprochen, sondern wörtlich wahr gesprochen, wenn man sagt: Von allem, worüber man eigentlich im Sinnensein reden kann, kann man gar nichts in die geistige Welt mit hinübernehmen, sondern man muß alles zurücklassen an der Grenze, an welcher der Hüter der Schwelle steht.

Aber machen Sie sich nunmehr eines klar: An alledem, was man da als sich weiß im Sinnensein, haftet doch eines, ein höchst Erhebliches daran, und zwar wirklich das, worauf es ankommt bei den Schritten der Initiation. Es haftet daran, daß man das liebt und gern hat und daß man gar nicht einmal auskommt, wenn man den gewöhnlichen, etwas unsympathischen Begriff des Egoismus darauf anwendet. Dadurch ist man nicht fertig, daß man sagt: Der Mensch soll seinen Egoismus ablegen, dann wird er selbstlos hinüberkommen in die Region der geistigen Welt. Das ist, wenn man trivial sprechen darf, leicht gesagt.

Aber dieser Egoismus ist in den geheimeren, feineren Gliederungen seines Wesens innig zusammenhängend mit dem, was wir nicht nur egoistisch für wertvoll halten im Leben, sondern für wertvoll halten müssen, weil wir dadurch Mensch sind in

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der Welt, in der wir uns aufzuhalten haben. Wir sind Menschen dadurch, daß wir zusammenhalten können, was wir erfahren, und daß wir in einer gewissen Weise darüber denken können, daß wir erleben können. Durch das alles sind wir die Menschen, die wir sind. Und was wir Tüchtiges leisten können im gewöhnlichen Sinnensein, leisten wir dadurch, daß wir wertschätzen unsere Fähigkeit, zusammenzuhalten in unserer Persönlichkeit, in unserer Individualität, was wir erleben. Und würden wir das nicht wertschätzen, was wir erleben, so würden wir Faulenzer oder träge Menschen im Leben werden und nichts für die gewöhnliche Welt erreichen. Es wäre daher oberflächlich, zu sagen: Der Egoismus ist unter allen Umständen als etwas Schädliches anzusehen. Denn in seiner feineren Gliederung bedeutet er die Kraft, welche den Menschen vorwärtstreibt in der Welt, in der er nun einmal inkarniert ist.

Und dennoch: es muß das alles abgelegt werden, es muß zurückbleiben, muß aus dem einfachen Grunde zurückbleiben, weil es ungeeignet ist für die Welt, die wir betreten müssen.

Wie unser Sinnenleib ungeeignet ist für ein Eisenbad von 9000° C, so ist das, was wir unser Selbst nennen, mit dem, was wir lieben in der gewöhnlichen Welt, ungeeignet in der geistigen Welt. Und man muß es aus dem Grunde zurücklassen, weil einem etwas Ähnliches passieren würde, wie unserm sinnlichen Leib passieren würde, wenn wir uns in ein Eisenbad von 9000° C hineinstürzen würden: wir würden keinen Aufenthalt darin haben können, würden darin zugrunde gehen.

[Anmerkung: Eisen schmilzt bei 1538 °C und siedet bei 3000°C.]

Nun wird Ihnen ein Gedanke auftauchen, der ganz selbstverständlich ist, der nur in seiner Tiefe erfaßt und erfühlt werden muß, der Gedanke: Wenn ich nun alles ablege, was ich bin, wovon man überhaupt reden kann im Sinnensein, was bleibt mir denn dann eigentlich? Kann ich denn dann noch selber hineingehen in die geistige Welt, wenn ich mich zuerst ablegen muß? - Das ist es, daß der Mensch nichts von dem, wovon er weiß, daß er es ist, in die übersinnlichen Welten hinein mitnehmen kann, und daß alles, was er in diese Welten hinein mitnehmen kann, etwas ist, wovon er nichts weiß in der gewöhnlichen Welt. Das sind die verborgenen, in den Untergründen der Seele liegenden Daseinselemente, die in dem

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Menschen drinnenstecken, von denen er nichts weiß. Und die müssen so stark sein, daß der Mensch aus dem, wovon er nichts weiß, in die geistigen Welten das Nötige hineinbringt, wenn er alles das, wovon er weiß, draußen ablegen muß.

Um den Gedanken, oder besser gesagt, die Empfindung recht gründlich zu erfassen, verbinden Sie das, was eben gesagt worden ist, mit dem gewöhnlichen Todesgedanken. Es ist nur selbstverständlich für das gewöhnliche Sinnesleben, daß der Mensch alles das, als was er sich bezeichnen kann, liebt. Und weil er nichts weiter von sich weiß, so hat er bei der Unsterblichkeitssehnsucht die Sehnsucht, das zu behalten, was er im Sinnensein liebt.

Deshalb kann der Schauer so groß werden und es kann eine Furchterfülltheit eintreten vor der geistigen Welt, weil der Gedanke auftauchen muß: Du gehst in ein wesenloses Unbestimmtes hinein, du weißt nicht, ob du dich darinnen bewahren kannst, denn das, wovon du weißt, geht dir verloren!

Nun gehört es zur Initiation, daß das, was in den verborgenen Untergründen der Seele liegt an Daseinselementen, schon während des Sinneslebens heraufgeholt und zum Bewußtsein gebracht wird. Das geschieht zum Teil durch die Mittel, welche geschildert sind in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», indem aus den Untergründen der Seele Erlebnisse ins Bewußtsein heraufgehoben werden, die gleichsam als ein verdichtetes, verstärktes Seelenleben herauskommen.

Und dieses verdichtete, verstärkte Seelenleben, wovon man sonst nichts weiß, kann hinübergehen in die geistige Welt. Daher bereitet man sich durch Meditationen, Konzentrationen, durch das, was im «Hüter der Schwelle» genannt ist das «gedankenkräftige Verhalten der Seele», darauf vor, etwas mit hinüberzunehmen in die geistige Welt, etwas dort drüben sein zu können.

Was geschieht denn aber mit dem, was man abgelegt hat?

Das ist nun etwas außerordentlich Wichtiges. Zunächst könnte man, wenn man bildhaft, anschaulich schildert, wirklich sagen: Das, wovon man reden kann im Sinnensein, wovon man weiß, das legt man an der Grenze beim Hüter der Schwelle ab, wie wenn man seine Kleider ausziehen und ohne Kleider hinübergehen würde in bezug auf alles Seelische in die geistige Welt. Bildhaft ist das ganz richtig

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gesprochen.

Aber die Initiation macht es notwendig, daß nicht bloß dies geschieht, sondern daß noch etwas anderes geschieht: daß man zwar sein Selbst und alles, was an einem ist, ablegt, aber doch etwas davon mitnimmt, sonst verliert man nämlich allen Zusammenhang mit dem Sein, von dem man einzig und allein früher gewußt hat. Also man muß doch etwas mitnehmen! Wir stehen hier vor einem Widerspruch, der allerdings ein sehr leicht lösbarer ist: daß wir alles zurücklassen sollen und doch von dem Zurückgelassenen etwas mitnehmen sollen.

Sie werden es leicht verstehen, wenn ich es vergleiche mit einer Erscheinung des gewöhnlichen Lebens, was es der Seele ist, wenn sie diesen Vorgang durch macht. Es gibt im Leben auch einen ähnlichen Vorgang, den wir mit diesem anderen, obwohl er viel empfindungskräftiger, viel vehementer ist, vergleichen können. Das ist der Vorgang, wenn wir uns an etwas erinnern, was wir im Leben erlebt haben. Was Sie gestern erlebt haben, das haben Sie zurückgelassen, aber Sie haben es in der Erinnerung mit sich genommen.

Darauf kommt es an, daß man sich durch die vorhergehenden Meditationen, Konzentrationen und so weiter bereitgemacht hat, daß man, wenn man über die Schwelle in die geistigen Welten hinüberkommt, die Kraft hat, in einer übersinnlichen Erinnerung festzuhalten, was man zurückgelassen hat.

Ist man nicht in der entsprechenden Weise vorbereitet, so hat man diese Kraft nicht, um sich daran zu erinnern. Dann ist man aber für sein Bewußtsein ein Nichts, weil man nichts weiß von sich. Das ist es, daß man sich durch übersinnliche Erinnerung, wenn man in der geistigen Welt drinnensteht, an das erinnert, was man zurückgelassen hat. Sonst kann man nichts mitnehmen als diese Erinnerungen, und daß man sie mitnimmt, das bewahrt einem das, was man nennen könnte die Kontinuität, die Erhaltung des Selbstes. Auch im gewöhnlichen Leben geht einem der Zusammenhang des Bewußtseins und damit das eigentliche Selbst verloren, wenn man Dinge, an die man sich erinnern sollte - sagen wir vieles in unserem Leben -, einfach auslöschen muß aus seinem Bewußtsein und krankhaft vergessen hat.

An der fortlaufenden Erinnerung hängt vieles im gewöhnlichen Leben. An der Erinnerung im übersinnlichen Leben - die Erinnerung an das gewöhnliche

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Leben zu bewahren - hängt alles, was die ersten Schritte der Initiation möglich macht. Diese Erinnerung ist eben möglich, und sie tritt durch die Initiation ein, und von ihr aus können Sie wieder den Faden hinüberziehen nach dem Rätsel des Todes. Wenn der Mensch durch den Tod hindurchgeht, so hat er zwar nicht dieselben Kräfte, die er durch die Initiation erwirbt, aber in gewisser Weise bekommt er Kräfte, wenn er seinen Leib ablegt, indem ihm andere Wesen der übersinnlichen Welt helfen. Er bekommt die Möglichkeit, die Erinnerung für das zu bewahren, was er vergessen hat, indem er seinen Leib abgelegt hat.

Und jetzt haben Sie im Realen die Möglichkeit, sich auf die Frage zu antworten: Was bleibt von meinen Seelenerlebnissen, wenn ich durch die Pforte des Todes durchgegangen bin, wie lebt die Seele weiter?

Das ist die allerwichtigste Frage. Und Sie haben durch die Erfahrung der Initiierten die Antwort: Die Seele lebt weiter, weil in den tiefen, verborgenen Untergründen der Seele Kräfte sind, die in der Erinnerung festhalten können, was erlebt ist. Unsterblich sein heißt, die Kraft haben, in der Erinnerung das abgelebte, das vergangene Dasein bewahren zu können. Das ist die eigentliche Definition der menschlichen Unsterblichkeit. Durch die Initiation wird der Beweis erbracht, der Erfahrungsbeweis, daß im Menschen Kräfte leben, die [ermöglichen, sich] nach Ablegung des sinnlichen Leibes erinnern [zu] können an alles, was der Mensch im Sinnensein und überhaupt erlebt hat.

So bewahrt sich der Mensch selbst durch die Zukunft hindurch, so erlebt er sein früheres Sein als Erinnerungen im zukünftigen Sein. Fühlen Sie die ganze Gewalt des Gedankens, der sich durch die Initiation ergibt und der ausgesprochen werden konnte in den Worten: Das Menschenwesen ist von solcher Art, daß es durch die Kräfte der übersinnlichen Erinnerung sein eigenes Wesen durch zukünftige Zeiten trägt.

Wenn Sie diesen Gedanken fühlen, in die Leerheit des Weltenalls hinein ihn fühlen so, daß Sie sich vorstellen die sich selbst durch die Ewigkeiten tragende Seele, dann haben Sie eine viel bessere Definition dessen, was man eine Monade nennt, als sie durch irgendwelche philosophische Begriffe gegeben werden könnte. Denn dann fühlen Sie, was eine Monade, ein in sich geschlossenes, sich

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selber tragendes Wesen ist. Über diese Dinge sind denn doch nur Vorstellungen zu gewinnen durch die Erfahrungen der Initiation.

Das ist erst die eine Seite dessen, was ich Ihnen zu schildern habe. Wir müssen die ersten Schritte der Initiation noch genauer betrachten, wenn wir erfühlend zu dem kommen wollen, was uns Vorstellungen über die Initiation geben kann.

Nehmen wir an, ein Mensch habe durch gedankenkräftiges Verhalten seiner Seele, oder mit einem Fremdwort: durch Meditation es dahin gebracht, daß er außerhalb seines physischen Leibes wahrnehmen kann, daß er zunächst wahrnehmen kann in seinem elementarischen oder ätherischen Leibe. Erlebt wird dieses Wahrnehmen in jenem Leibe, der enger gebunden ist in seinen einzelnen Teilen an das Gehirn, weniger eng zum Beispiel an die Hände, erlebt wird das Sich-Einfühlen in den elementarischen Leib dadurch, daß man das Gefühl hat: Du weitest dich aus, du wirst breiter, fließest hinaus in die unbestimmten Weltenweiten. - So ist das subjektive Gefühl.

Aber es ist nicht so, daß man ins Wesenlose und Unbestimmte hinausrinnt, sondern da ist alles konkretes Leben. Man lebt sich in lauter Konkretheiten hinein, und man gewinnt zugleich ganz bestimmte Erlebnisse in diesem Sich-Ausweiten.

Besonders ein Gefühl kann man leicht erhalten, und es wird kaum - wenn nicht ganz besondere Umstände vorliegen - jemandem, der die ersten Schritte der Initiation durchmacht, erspart bleiben, diese Erfahrung zu machen. Es ist die Erfahrung der Bangigkeit, der Ängstlichkeit, die Erfahrung, als ob man im Weltenall wäre und keinen Boden unter den Füßen hätte, ein Bedrückendes in der Seele. Das sind so die inneren Erlebnisse, die man dabei durchmacht. Dann aber das noch Wichtigere.

Wenn man im gewöhnlichen Leben denkt, eine Vorstellung hat, wenn ein Gedanke den anderen kommen läßt, da fügt man den einen Gedanken zum anderen hinzu, man gliedert dann vielleicht Empfindungen hinzu, Wünsche, Wollen und so weiter, und beim gesunden Seelenleben wird man immer die Möglichkeit haben, zu sagen: Ich denke dies, ich fühle das. - Denn es wäre schon eine Unterbrechung, eine Störung des gesunden Seelenlebens, wenn man nicht die Möglichkeit hätte, in dieser Weise zu sprechen.

Beim Hineinwachsen

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in den elementarischen oder ätherischen Leib weitet man sich aus, aber zugleich weiten sich die Gedanken aus. Man verliert das Gefühl, als ob man in sich wäre, wenn man denkt, und man bekommt das Gefühl: man wächst in die elementarische Welt hinein, und die ist durchzogen von Gedanken, und diese Gedanken denken sich. Das tritt als ein Erlebnis auf. Es ist so, wie wenn man ausgelöscht wäre und wie wenn sich die Gedanken denken würden, wie wenn die Gefühle, die man selbst hat oder die die Dinge haben, sich erfühlen, als ob man nicht selber wollen könnte, sondern als ob das alles in einem zum Wollen erwachte. Hingegeben sein an die Objektivität, an die Welt, das ist ein Gefühl, das man hat.

Aber es ist in der Regel so - und das ist wieder eine Erfahrung bei den ersten Schritten der Initiation -, daß sich hinzugesellt ein anderes Gefühl. In demselben Maße, in dem man sich ausweitet, in dem sich die Gedanken selber denken, die Empfindungen sich erfühlen, wird das Bewußtsein immer schwächer und schwächer, immer mehr und mehr herabgestimmt; das Wissen betäubt sich.

Nun ist die Notwendigkeit vorhanden, etwas ganz Bestimmtes in der Seele eintreten zu lassen, wenn solche Erfahrungen in der Seele gemacht werden. Es ist eine Notwendigkeit vorhanden, daß diese Dinge möglichst genau von den Seelen erfaßt werden. Deshalb habe ich, wenn auch nicht dieselben, so doch ähnliche Dinge, die in dieselbe Richtung gehen, in dem Buche «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen» zusammengestellt, und Sie werden, wenn Sie die Vorträge in Verbindung bringen mit diesem Buche, davon mancherlei haben können.

Ein ganz bestimmtes Seelisches, das man selber herbeiführt, muß dann eintreten, ähnlich wie ich es gestern geschildert habe. Man muß nämlich Selbstbesinnung üben, muß versuchen schonungslos, rücksichtslos recht grobe Fehler, von denen man weiß, daß man sie hat, sich vorzuhalten, so daß einem vor die Seele kommt, wie wenig man eigentlich dem großen Menschheits-Ideale entspricht.

Man muß sich hineinfühlen in dieses Wenig-Entsprechen dem großen Menschheits-Ideale: recht meditativ, recht gedankenkräftig gerade seine moralische oder sonstige Schwachheit sich vor die Seele rufen. Wenn man das tut, wird man nämlich dadurch stärker.

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Und das, was schon angefangen hat sich abzudämpfen, was sich schon so dargestellt hat, als ob es wie in einer seelischen Ohnmacht verschwinden wollte, wird wieder heller.
Man fängt wieder an, das zu sehen.

Aber man erfährt wieder etwas anderes bei dieser Gelegenheit, was in einfache Worte gebracht werden kann, was aber bei den ersten Schritten auf dem Wege zur Initiation bedrückend und sogar bestürzend ist. Das alles sind Worte, die für das Seelenleben gemeint sind, nicht für das Leibesleben, denn dem, der in richtiger Weise hineingeführt wird in die geistige Welt, ist auch solche Anweisung zugeflossen, daß man von äußeren körperlichen Gefahren nicht sprechen kann. Es kann ein solcher Mensch, wenn er wirklich treulich die guten Ratschläge einhält, äußerlich im Leben ein gleicher Mensch bleiben, trotzdem es innen auf- und abwogt von allerlei Peinigendem, Schmerzlichem, von Enttäuschungen und vielleicht auch erahnten Seligkeiten.

Aber solche Dinge muß man durchmachen, denn in ihnen liegen die Keime des höheren Schauens, der höheren Einsicht. Etwas lernt man erkennen: man lernt, indem man außerhalb des physischen Leibes beobachten, wahrnehmen, erleben lernt, indem man also dazu kommt, in dem elementarischen Leibe zu leben, daß man in die elementarische Welt auf die geschilderte Art hineinwächst.

Dann aber, wenn man das macht, was eben geschildert worden ist, lernt man den Grund kennen, warum diese elementarische Welt wie in einer Art Ohnmacht verschwindet, was man mit trockenem Wort so aussprechen dürfte, daß man sagt: Diese Welt mag einen nicht, sie findet, daß man nicht hineinpaßt. Und dieses Abdämpfen, dieses Verschwinden ist einfach der Ausdruck dafür: sie läßt einen nicht hinein. Aber indem man sich dann seine Fehler vorwirft, wird man stärker, und so hellt sich das wieder auf, was erst verschwunden war.

Man bekommt aber dadurch das deutliche Gefühl: Eine übersinnliche Welt elementarischer Art ist um dich herum, aber du darfst nur bis zu einem gewissen Maße hinein. In dem Maße, wie du dich selbst moralisch, intellektuell immer stärker und stärker machst, läßt sie dich herein, sonst nicht; und sie zeigt dies dadurch, daß sie vor dir verschwindet.

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Das ist das Spannende, das Bedrückende oder manchmal auch das Zehrende oder Verzehrende, das - gewissermaßen - Kämpfen um die geistige Welt, und das Bewußtsein, wie unwürdig man ihrer ist. Und indem man Selbstbesinnung und das gedankenkräftige Verhalten der Seele, also Meditieren, Konzentrieren und das Sich-Durchdringen mit moralischen Impulsen kräftig fortsetzt, kann man eben immer mehr und mehr hineinkommen auf solche Art in die elementarische Welt.


Aber dieses Hineinkommen in die elementarische Welt ist doch eigentlich nur die erste Stufe der Initiation. Wenn man die nächste Stufe besprechen will, muß man auf eine höchst eigentümliche Erscheinung aufmerksam machen, für die es eigentlich nichts recht Entsprechendes im gewöhnlichen Sinnensein gibt.

Dasjenige, in dem der Mensch lebt, nachdem er elementarisch wahrnehmen kann, ist sein elementarischer Leib. Aber den hat er früher auch schon gehabt. Der Unterschied des elementarischen Leibes vor und nach dem übersinnlichen Beobachten ist nur der, daß der elementarische Leib durch die Initiation gleichsam auferweckt wird. Während er früher gleichsam geschlafen hat, ist er nachher auferweckt. Das ist eigentlich der treffendste Ausdruck, den man für die Sache gebrauchen kann. Aber eines wird man bemerken.

Wenn man sich die Fähigkeit erworben hat, durch diese oder jene Maßnahmen, die man im Seelenleben getroffen hat, die eine oder die andere Tatsache oder das eine oder das andere Wesen der elementarischen Welt zu sehen - nun, so sieht man eben dieses eine Wesen. Nehmen Sie nun an, Sie haben Ihre Vorbereitungen so weit getrieben, daß Sie das eine Wesen oder ein zweites Wesen sehen. Dieses eine oder das zweite Wesen werden Sie dann wahrscheinlich, wenn Sie sich bei derselben Kraft erhalten, immer wieder sehen. Das ist keine Schwierigkeit.

Aber Sie sehen nicht leicht etwas anderes. Wenn Sie eine Zeit aussetzen und nachher wieder zurückkommen, so sehen Sie doch wieder dasselbe. Kurz, es ist nicht in der elementarischen Welt so, wie es in der Sinneswelt ist.

Sind für die letztere die Augen einmal präpariert, so sehen sie alles mögliche; sind die Ohren einmal präpariert, so hören sie alles gleich. So ist es nicht in der elementarischen Welt. Da müssen Sie von Stück zu Stück, von Wesensart zu

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Wesensart immer neu die Teile Ihres elementarischen Leibes präparieren.
Da müssen Sie die ganze Welt absuchen, da muß man für jedes einzelne Wesen den Ätherleib immer wieder und wieder erwecken. Denn man stellt nur eine Beziehung, eine Verwandtschaft her zu dem, was man einmal gesehen hat, wofür man einmal den Ätherleib erweckt hat, und muß immer neue Beziehungen erwecken.

Das kann der Ätherleib allein nicht. Er kann sich nicht beherrschen, er kann nur immer zu demselben Wesen zurückkehren, oder er kann warten, bis er präpariert ist, um andere Wesen zu sehen. Ein Mensch, der die ersten Schritte auf dem Wege zur Initiation durchgemacht hat und dazu gelangt ist, dieses oder jenes Wesen, diesen oder jenen Vorgang zu sehen, kann sich noch nicht orientieren in der geistigen übersinnlichen Welt, er kann nicht, weil er nicht zu den Wesen beliebig den Zugang hat, frei vergleichen ein Wesen mit dem anderen.

Soll man sich orientieren, soll man nicht bloß anschauen, sondern mit Bestimmtheit sagen: dieses oder jenes ist ein Wesen, dieses oder jenes ist ein Vorgang -, so muß man es vergleichen können mit anderen Wesen und Vorgängen in der übersinnlichen Welt. Man muß den Weg vom einen zum anderen machen können, man muß sich orientieren können.

Dieses Orientieren muß man auch erst lernen. Man lernt es dadurch, daß man durch fortgesetztes Meditieren, Sich-Durchmoralisieren Kräfte zuwachsen fühlt, die man in ihrer Tätigkeit als etwas ganz Merkwürdiges empfindet. Und da muß man darauf zurückkommen, wenn man es beschreiben will, daß zwar der elementarische Leib für das gewöhnliche Leben da ist, aber immerfort schlafend ist, und daß man ihn für das übersinnliche Wahrnehmen erst erwecken muß. Aber man muß in der Seele die Kräfte haben, um ihn zu erwecken. Was man da tut, erlebt man in einer ganz besonderen Weise. Ich kann es nur durch einen Vergleich klarmachen.

Denken Sie sich, Sie schlafen ein und würden wissen: Im Bette liegt dein Leib, du kannst ihn nicht rühren, aber du bist dir bewußt, er ist da! Du aber gehst in eine geistige Welt hinein und kommst nach einiger Zeit wieder zurück, um diesen Leib wieder aufzuwecken. - Das kann bewußt geschehen. Aber wie es beim Menschen im

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gewöhnlichen Leben geschieht, so geschieht es unbewußt. Was ich Ihnen eben geschildert habe, das macht der Mensch durch; er wird in bezug auf seine Leiblichkeit wachend und schlafend, und er ist es selber, der sich aufweckt; nur hat er kein Bewußtsein, daß er es ist, der seinen physischen Leib erweckt.

Wenn man die ersten Schritte zur Initiation durchgemacht hat, dann hat man dieses Bewußtsein. Daher ist es tatsächlich so, daß man weiß: Da hast du deinen elementarischen Leib. - Dem steht man so gegenüber, daß man fühlt:

Von alledem weiß man, aber das schläft an einem. Und indem man sich weiterentwickelt und die nötigen inneren seelischen Anstalten macht und hinkommt zur geistigen Welt, ist das ein fortwährendes Aufwecken. Einmal weckt man dieses Stück, ein andermal ein anderes Stück auf, einmal entzündet man diese Bewegung, einmal eine andere. Kurz, es ist ein bewußtes Auferwecken des elementarischen Leibes, so daß man sprechen könnte von einem Schlafzustand des elementarischen Leibes, in dem dieser gewöhnlich ist, und von einem Wachzustande, in welchen man ihn durch die Initiation bringt.

Das ist der Unterschied in bezug auf Schlafen und Wachen beim physischen Leibe und beim elementarischen Leibe:

So kann jemand dazu kommen, auf dem Wege zur Initiation durch die ersten Maßnahmen viel aufzuwecken in bezug auf die elementarischen Teile des Kopfes, während noch alles im tiefen Schlafe ist, was den Händen oder den Füßen entspricht. Während es beim physischen Leibe so ist, daß er einmal schläft und einmal wacht, ist es beim elementarischen Leibe so, daß nebeneinander sind die wachenden und die schlafenden Teile. Und darin besteht der Fortschritt, daß die schlafenden Teile immer mehr und mehr zu wachenden gemacht werden. Das ist es, was man eigentlich tut.

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Wenn der Mensch nicht eine geistige Wesenheit wäre, so könnte es nicht geschehen, was ich zum Vergleich herangezogen habe, dann könnte er nicht seinen physischen Leib im Bette liegend haben und wahrnehmen, wie er ihn auferweckt. So ist aber das Seelische noch etwas Selbständiges gegenüber dem allen, was da erweckt wird. Was Stück für Stück dieses aufweckt, das ist nicht der elementarische Leib. Das ist etwas anderes.

Und wenn Sie den Begriff fassen: in deiner Seele ist etwas, was eine tätige Herrschaft ausübt über den elementarischen Leib, so daß es ihn Stück für Stück auferweckt, dann haben Sie eine konkrete richtige Vorstellung dessen, was man astralischen Leib nennt.

Und leben im astralischen Leibe, sich erleben im astralischen Leibe, heißt zunächst: sich erfühlen in einer Art innerer Kraftwesenheit, welche imstande ist, nach und nach, Stück für Stück, den schlafenden elementarischen Leib zum bewußten Leben zu erwecken.

Es gibt also einen Zustand, den man so bezeichnen kann: man erlebt sich jetzt außerhalb des physischen Leibes, man erlebt sich aber nicht nur in dem elementarischen Leibe, sondern in dem astralischen Leibe.

Um sich klar zu werden über diesen Schritt der Initiation, ist es notwendig, daß man sich Unterscheidungsvermögen aneignet für das, was man bloß innerlich erleben kann, wenn man in seinen elementarischen Leib hineinkommt. Ich habe Ihnen geschildert, was man erlebt, wenn man in den elementarischen oder ätherischen Leib hineinkommt: man erweitert sich, man fließt aus. Das ist das konkrete Gefühl. Aber das ist auch das hauptsächlichste allgemeine Gefühl, das man hat: daß man aus dem physischen Leib herausdringt, immer weiter und weiter wird und sich hinausergießt in die Weiten der Welt.

Das Sich-Hineinleben in den astralischen Leib und bewußt in dem leben, was Stück für Stück den elementarischen Leib erweckt, das ist noch mit etwas anderem verknüpft: mit einem Springen aus sich heraus, und etwas Ergreifen, was schon draußen war; nicht ein Erweitern dessen, was schon ist.

Dieses sich Überspringen, sein eigener Anschauer sein und sich Erfassen, ist der Übergang zu dem Sein im astralischen Leibe.

Wenn man da hinüberkommt, wenn man diesen Sprung getan hat und weiß: dies bist du nun, das schaust du an wie früher eine Pflanze oder einen Stein -, dann hat man zunächst ein Gefühl, von dem man sagen kann, es wird wohl keinem zu Initiierenden auf den ersten Stufen erspart bleiben; es ist die Empfindung: Nun bist du in der übersinnlichen Welt, da breitet sie sich aus, ins Unendliche hin. Man kann nicht einmal sagen «nach allen Seiten», denn sie hat viel mehr Seiten und auch ganz andere Dimensionen als die gewöhnliche Welt.

Aber man ist allein drinnen. Man ist mit seinem Leben im astralischen Leibe drinnen - und überall die Welt, unendliche Ausbreitung, nirgends ein Wesen, man selbst allein! Und es überkommt einen, was man nennen kann: das seelisch höchst gesteigerte Einsamkeitsgefühl.

Es kommt darauf an, daß man solche Gefühle erträgt, daß man sie durchmachen kann, denn in dem Überwinden dieser Gefühle ergeben sich die Kräfte, die einen weiterführen, die zu Seherkräften werden. Und höchst real wird das, was ich in dem Drama «Der Hüter der Schwelle» in wenige Zeilen hineinzubringen versuchte, wo Maria den Johannes in die unendlichen Eisgefilde führt, wo die Menschenseele einsam, ganz einsam ist. Und ist man in dieser Einsamkeit drinnen, dann muß man warten, geduldig warten. Daß man warten kann, daß man sich soviel moralische Kraft angeeignet hat, um zu warten, davon hängt viel ab. Denn dann kommt etwas, was man sich so sagen kann: Ja, jetzt bist du innerhalb von Unendlichkeiten ganz allein, aber in dir steigt etwas auf wie lauter Erinnerungen, die doch wieder keine Erinnerungen sind.

Ich sage, «wie lauter Erinnerungen, die doch wieder keine Erinnerungen sind», weil alle Erinnerungen des gewöhnlichen Lebens so sind, daß man sich erinnert

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an das, dem man einmal gegenübergestanden hat, was man einmal erlebt hat. Aber denken Sie sich, Sie ständen da mit dem Innern Ihrer Seele, und es tauchten Vorstellungen auf, die verlangen, daß Sie sie auf etwas beziehen. Aber Sie haben sie nie erlebt. Sie wissen, diese Vorstellungen beziehen sich auf Wesenheiten, aber Sie standen den Wesenheiten nie gegenüber. Dieses innere Heraufsteigen einer Welt, die einem unbekannt ist, von der man aber weiß: du trägst sie in dir, es sind lauter Abbildungen, das ist das nächste, was zu den Erlebnissen auf dem Wege zur Initiation gehört.

Und dann macht man eine sonderbare Erfahrung, die Erfahrung, daß man ein Verhältnis gewinnen kann zu dem, was da an Vorstellungen auftaucht, daß man lieben und hassen kann, was da auftaucht, daß man Ehrfurcht hegen kann gegenüber dem einen, Hochmut gegenüber dem anderen. Es erwacht nicht nur eine Summe von inneren Vorstellungen, sondern es erwacht etwas wie auf- und abwogende übersinnliche Gefühle und Empfindungen. Man ist ganz mit sich allein, allein mit seiner inneren Welt, welche da auftaucht.Man weiß zunächst selber nichts außer irgendeinem unbestimmten Dunkel, aber man ist voller Beziehung zu diesen Dingen.

Nehmen wir ein charakteristisches Beispiel. Etwas, das da als Bild auftaucht, flößt einem Liebe ein. Jetzt ist man in einer starken Versuchung. Eine furchtbare Versuchung tritt auf, denn man liebt jetzt etwas, was in einem selber drinnen ist. Man ist der Versuchung ausgesetzt, die Sache deshalb zu lieben, weil sie einem selbst angehört, und man muß jetzt mit aller Kraft dahin wirken, daß man dieses Wesen nicht liebt, weil man es hat, sondern deshalb, weil es dieses oder jenes ist - trotzdem es in einem ist.

Selbstlos machen das, was in dem Selbst drinnen ist, das wird Aufgabe. Und das ist eine schwere Aufgabe, eine Aufgabe, mit der sich nichts Seelisches in der gewöhnlichen Sinneswelt vergleichen läßt. Im gewöhnlichen Sinnensein ist es gar nicht möglich, daß ein Mensch ganz selbstlos liebt, was in ihm drinnen ist. Das muß er aber, wenn er dort hinaufkommt.

Dadurch, daß man das Wesen überstrahlt mit der Kraft der Liebe, strahlt es selber Kraft aus, und man merkt jetzt dadurch: das will aus einem heraus. Und man merkt weiter: Je mehr man selber Liebe anwenden kann,

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desto mehr bekommt es selber die Kraft, etwas, was wie eine Hülle in einem ist, zu durchbrechen und hinauszudringen in die Welt. Wenn man es haßt, bekommt es ebenso Kraft; es spannt einen dann, preßt einen und drängt sich durch, wie wenn sich die Lungen oder das Herz durch die Haut des Leibes durchdrängen wollten. Das geht durch alles, womit man sich durch Liebe und Haß in ein Verhältnis bringt. Aber der Unterschied zwischen beiden Erlebnissen ist der:

Diesen Unterschied merkt man auf einer bestimmten Stufe sehr stark: man wird mitgenommen oder zurückgelassen. Und wenn man mitgenommen wird, so hat man die Möglichkeit, hinzukommen zu dem Wesen, das man in seinem Abbild erlebt hat.

Man lernt es kennen. Und dadurch, daß in einem auftauchen die Abbilder von Wesen, die man noch nicht kennt, und man zu ihnen Beziehungen erhält, kommt man aus sich heraus und kommt zu der ganzen Bevölkerung, die man in einer zweiten geistigen Welt kennenlernt.

Man lebt sich ein in eine Welt, welche gewöhnlich die devachanische Welt genannt wird, die eigentliche geistige Welt, nicht etwa in die astralische Welt. Denn das ist ein vollständiges Unding, daß der Mensch durch seinen astralischen Leib, den ich beschrieben habe als den Erwecker des elementarischen Leibes, in die astralische Welt käme, sondern man kommt in die eigentliche geistige Welt, in das, was in meiner «Theosophie» das Geisterland genannt wird, und steht lauter geistigen Wesenheiten gegenüber.

Wie man diese weiter kennenlernt, wie sie sich abstufen, wie sie zu dem werden, was beschrieben ist als die Welt der höheren Hierarchien, die wir kennengelernt haben von den Angeloi hinauf bis zu den Seraphim, davon morgen weiter.