Ausgewählte Zyklen und Vorträge aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiners

 

Rudolf Steiner (1861-1925):

GA 128 Eine okkulte Physiologie

3. Vortrag Prag, 22. März 1911

Verbindung von Blut und sympathischem Nervensystem durch mystische Versenkung.
Rhythmisierung der Nahrungsaufnahme durch die Milz. Ihre Beziehung zum Saturn. Kronos, der seine Kinder verschlingt.

Diese drei ersten Vorträge, einschließlich des heutigen, sind dazu bestimmt, uns im allgemeinen über das zu orientieren, was für das Leben, für die Wesenheit des Menschen in Betracht kommt. Daher werden in diesen ersten Vorträgen zunächst einige wichtige Begriffe gegeben werden, die ja sonst, weil die genaueren Ausführungen natürlich erst folgen sollen, ein bißchen in der Luft hängen würden. Es ist besser, wenn wir uns erst einen Überblick über die ganze Art aneignen, wie man den Menschen im okkulten Sinne zu betrachten hat, um dann in diese Betrachtung, die wir vorläufig als eine hypothetische hinnehmen, das hineinzubauen, was uns als die tieferen Gründe erscheinen kann.

Nun habe ich am Ende des gestrigen Vortrages bereits eines ausgeführt. Ich versuchte zu zeigen, daß der Mensch durch gewisse Seelenübungen, durch starke Gedanken- und Empfindungskonzentration eine andere Art seines Lebenszustandes hervorrufen kann, als es die gewöhnliche ist. Der gewöhnliche Lebenszustand drückt sich ja dadurch aus, daß wir im wachen Tagesleben eine enge Verbindung haben zwischen Nerven und Blut.

Wenn wir uns schematisch ausdrücken wollen, können wir so sagen: Was durch die Nerven geschieht, schreibt sich ein in die Tafel des Blutes. Durch Seelenübungen bringt man es nun dahin, die Nerven so stark anzuspannen, daß deren Tätigkeit sich nicht mehr hineinerstreckt bis ins Blut, sondern daß diese Tätigkeit wie in den Nerv selber zurückgeworfen wird.

Weil nun das Blut das Werkzeug unseres Ich ist, fühlt sich dann ein Mensch, welcher durch starke Empfindungs- und Gedankenkonzentration gleichsam sein Nervensystem freigemacht hat vom Blute, wie entfremdet seiner eigenen gewöhnlichen Wesenheit, wie herausgehoben aus ihr, er fühlt sich gleichsam ihr gegenüberstehend, so daß er zu dieser seiner gewöhnlichen Wesenheit nicht mehr sagen kann: das bin ich -, sondern sagen kann: das bist du. Er tritt also sich selbst so gegenüber wie einer fremden, in der physischen Welt lebenden Persönlichkeit.



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Wenn wir einmal ein wenig auf den Lebenszustand eines solchen, in einer gewissen Art hellsichtig gewordenen Menschen eingehen, so müssen wir sagen: Ein solcher fühlt sich so, wie wenn eine höhere Wesenheit in sein Seelenleben hineinragen würde. Es ist dies ein ganz anderes Gefühl, als man es hat, wenn man im normalen Lebenszustand der Außenwelt gegenübersteht. Im gewöhnlichen Leben fühlt man sich den Dingen und Wesenheiten der äußeren Welt, Tieren, Pflanzen und so weiter, gegenüber fremd, man fühlt sich als ein Wesen neben ihnen oder außerhalb ihrer stehend. Man weiß ganz genau, wenn man eine Blume vor sich hat: Die Blume ist dort, und ich bin hier.

Anders ist das, wenn man auf die gekennzeichnete Art sich aus seinem subjektiven Ich heraushebt, wenn man durch Losreißen seines Nervensystems vom Blutsystem in die geistige Welt hinaufsteigt. Dann fühlt man nicht mehr: da ist das fremde Wesen, das uns gegenübertritt, und hier sind wir -, sondern dann ist es so, wie wenn das andere Wesen in uns eindringen würde und wir uns mit ihm eins fühlten. So darf man sagen: Der hellsichtig werdende Mensch beginnt bei fortgeschrittener Beobachtung die geistige Welt kennenzulernen, jene geistige Welt, mit der der Mensch in steter Verbindung steht und die ja auch im gewöhnlichen Leben durch unser Nervensystem auf dem Umwege durch die Sinneseindrücke zu uns kommt.

Diese geistige Welt also, von welcher der Mensch im normalen Bewußtseinszustand zunächst nichts weiß, ist es, die sich dann einschreibt in unsere Bluttafel und dadurch in unser individuelles Ich. Wir dürfen nämlich sagen: Alle dem, was uns äußerlich in der Sinneswelt umgibt, liegt eine geistige Welt zugrunde, die wir nur wie durch einen Schleier sehen, der durch die Sinneseindrücke gewoben wird.

Im normalen Bewußtsein sehen wir diese geistige Welt nicht, über die der Horizont des individuellen Ich einen Schleier ausspannt. In dem Augenblick aber, wo wir von dem Ich frei werden, erlöschen auch die gewöhnlichen Sinneseindrücke, die haben wir dann nicht. Wir leben uns hinauf in eine geistige Welt, und das ist dieselbe geistige Welt, die eigentlich hinter den Sinneseindrücken ist, mit der wir eins werden, wenn wir unser Nervensystem herausheben aus unserem gewöhnlichen Blutorganismus.



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Nun haben wir mit diesen Betrachtungen gewissermaßen das menschliche Leben verfolgt, wie es von außen angeregt wird und durch die Nerven auf das Blut wirkt. Wir haben aber schon gestern darauf aufmerksam gemacht, daß wir in dem rein organischen physischen Innenleben des Menschen eine Art zusammengedrückte Außenwelt sehen können, und wir haben namentlich darauf hingewiesen, wie eine Art in Organe zusammengedrängte Außenwelt vorhanden ist in unserer Leber, Galle und Milz.

Wir können sagen: Wie das Blut nach der einen, der oberen Seite unseres Organismus das Gehirn durchläuft, um dort mit der Außenwelt in Berührung zu kommen - und das geschieht, indem auf das Gehirn die äußeren Sinneseindrücke wirken -, so kommt das Blut, wenn es sich durch den Körper bewegt, in Beziehung zu den inneren Organen, von denen wir zunächst Leber, Galle und Milz betrachtet haben. Und daß in ihnen das Blut nicht mit irgendeiner Außenwelt in Berührung kommt, dafür sorgt die Tatsache, daß diese Organe sich nicht wie Sinnesorgane nach außen aufschließen, sondern in den Organismus eingeschlossen und von allen Seiten zugedeckt sind, so daß sie nur ein inneres Leben entfalten. Diese Organe können alle auch auf das Blut nur so wirken, wie sie selbst ihrer Eigenart nach sind. Leber, Galle und Milz bekommen nicht wie das Auge oder das Ohr äußere Eindrücke, können also auch nicht an das Blut Wirkungen weitergeben, welche von außen angeregt sind, sondern sie können in der Wirkung, Bild 128-50 welche sie auf das Blut haben, nur ihre eigene Natur zum Ausdruck bringen.

Wenn wir also die innere Welt betrachten, in die die Außenwelt

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gleichsam wie zusammengedrängt ist, so können wir sagen: Hier wirkt eine verinnerlichte Außenwelt auf das menschliche Blut. Wenn wir uns das wieder schematisch zeichnen wollen, so können wir durch den schrägen Strich A-B (siehe Zeichnung Seite 50) die Tafel des Blutes angeben, durch die oberen Pfeile können wir alles das veranschaulichen, was von außen kommend an die Bluttafel heran­dringt, und durch die unteren Pfeile alles, was von innen kommend sich der Bluttafel einschreibt.

Oder, wenn wir die Sache etwas weni­ger schematisch ansehen wollen, so können wir sagen: Wenn wir das menschliche Haupt und das hindurchgehende Blut betrachten, wie es Bild 128-51 beschrieben wird von außen durch die Sinnesorgane, so wirkt das Gehirn in seiner Arbeit in derselben Weise umwandelnd auf das Blut, wie die inneren Organe auf das Blut umwandelnd wirken. Denn diese drei Organe, Leber, Galle, Milz, wirken von der anderen Seite her auf

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das Blut, welches wir hier so zeichnen wollen, als ob es die Organe umflösse. So also würde das Blut gleichsam Strahlungen, Wirkungen empfangen können von den inneren Organen und würde damit sozusagen als Werkzeug des Ich in diesem Ich das innere Leben dieser Organe zum Ausdruck bringen, so wie in unserem Gehirnleben das zum Ausdruck kommt, was uns in der Welt umgibt.

Da müssen wir uns allerdings klar sein, daß noch etwas ganz Bestimmtes eintreten muß, damit diese Wirkungen der Organe auf das Blut möglich sind. Erinnern wir uns daran, daß wir sagten, daß in der Wechselwirkung von Nerv und Blutlauf überhaupt erst die Mög­lichkeit liegt, daß auf das Blut eine Wirkung ausgeübt, daß in das Blut sozusagen etwas eingeschrieben werden kann. Wenn von der Seite der inneren Organe her Wirkungen auf das Blut ausgeübt werden sollen, wenn gleichsam das innere Weltsystem des Menschen auf das Blut wirken soll, so muß zwischen diesen Organen und dem Blut etwas eingeschaltet sein wie ein Nervensystem. Es muß die innere Welt zuerst auf ein Nervensystem wirken können, um dann ihre Wirkungen auf das Blut übertragen zu können.

So sehen wir, einfach aus einem Vergleich des unteren Teiles des Menschen mit dem oberen, daß die Voraussetzung gemacht werden muß, daß zwischen unseren inneren Organen - als deren Repräsentanten wir diese drei Organe: Leber, Galle, Milz haben - und dem Blutkreislauf etwas eingeschaltet sein muß wie ein Nervensystem. Fragen wir die äußere Beobachtung, so zeigt sie uns in der Tat, daß in alle diese Organe das eingeschaltet ist, was wir das sympathische Nervensystem nennen, welches die Körperhöhle des Menschen ausfüllt und welches in einem analogen Verhältnisse zu der menschlichen Innenwelt und dem Blutkreislauf steht, wie andererseits das Rückenmark-Nervensystem zwischen der äußeren großen Welt und dem Blutumlauf des Menschen steht.

Von diesem sympathischen Nervensystem, das ja zunächst längs des Rückgrates verläuft, dann, von dort ausgehend die verschiedensten Teile des Organismus durchzieht und sich ausbreitet, auch netzförmige Ausbreitungen zeigt, namentlich in der Bauchhöhle, wo man einen Teil dieses Systems populär auch das Sonnengeflecht nennt, von diesem sympathischen

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Nervensystem werden wir zu erwarten haben, daß es in einer gewissen Weise von dem anderen Nervensystem abweicht. Und es ist immerhin interessant - wenn es auch nicht zu einem Beweise dienen soll -, sich zu fragen: Wie könnte denn dieses Nervensystem gestaltet sein im Verhältnis zum Rückenmark-Nervensystem, wenn diese Bedingungen erfüllt würden, die wir jetzt hypothetisch gestellt haben?

Sie könnten einsehen: Wie sich das Rückenmark-Nervensystem öffnen muß dem Umkreis des Raumes, so muß dieses sympathische Nervensystem demjenigen zugeneigt sein, was zusammengedrängt ist in die innere Organisation. So verhält sich, wenn unseren Voraussetzungen entsprochen werden soll, das sympathische Nervensystem zu dem Rückenmark-Nervensystem etwa so, wie sich verhalten die Radien eines Kreises, die vom Mittelpunkt zur Peripherie gerichtet sind (siehe Zeichnung a), zu den sich von der Peripherie Bild 128-53 aus nach außen fortsetzenden Radien (b). Also in einer gewissen Weise müßte ein Gegensatz vorhanden sein zwischen dem sympathi­schen Nervensystem und zwischen dem Nervensystem des Gehirnes und Rückenmarkes.

Dieser Gegensatz ist auch in der Wirklichkeit vorhanden. Und da sehen wir, wie schon darin vieles für uns liegen kann, daß wir imstande sind nachzuweisen: Wenn unsere Voraussetzungen richtig sind, dann muß die äußere Beobachtung sie in einer gewissen Weise bestätigen, und es zeigt sich, daß die äußere Beobachtung tatsächlich bestätigt, was wir als Voraussetzung gemacht haben.

Während beim sympathischen Nervensystem im wesentlichen eine Art starke Nervenknoten vorhanden sind und die Ausstrahlungen

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dieser Nervenknoten, die verbindenden Fäden, verhältnismäßig dünn sind und wenig in Betracht kommen gegenüber den Nervenknoten, ist bei dem Gehirn-Rückenmark-Nervensystem gerade das Umgekehrte der Fall,
da sind die verbindenden Fäden das Wesentliche, während die Nervenknoten nur eine untergeordnete Bedeutung haben. So bestätigt uns die Beobachtung in der Tat das, was wir als Voraussetzung annahmen.

Wenn das sympathische Nervensystem die Aufgabe hat, die es nach dem, was wir gesagt haben, haben muß, dann muß sich das innere Leben unseres Organismus, das in der Durchnährung und Durchwärmung des Organismus zum Ausdruck kommt, gleichsam in dieses sympathische Nervensystem hineinergießen, und dieses Nervensystem müßte es auf die Bluttafel geradeso übertragen, wie die äußeren Eindrücke durch das Gehirn-Rückenmark-Nervensystem auf das Blut übertragen werden.

So bekommen wir in das individuelle Ich hinein, durch das Instrument des Ich, das Blut - auf dem Umwege durch das sympathische Nervensystem -, die Eindrücke unseres eigenen körperlichen Inneren. Da aber unser körperliches Innere wie alles Physische aus dem Geiste heraus auferbaut ist, so bekommen wir das, was sich als geistige Welt zusammengedrängt hat in den entsprechenden Organen des inneren Menschen, herauf in unser [waches] Ich auf dem Umwege durch das sympathische Nervensystem.

So sehen wir auch hier, wie sich diese Zweiheit im Menschen noch genauer ausdrückt, von der wir in unseren Betrachtungen ausgegangen sind. Wir sehen die Welt einmal draußen, wir sehen sie einmal drinnen wirken; beide Male sehen wir diese Welt so wirken, daß zu dieser Wirkung einmal das eine, einmal das andere Nervensystem als Werkzeug dient. Wir sehen, wie in die Mitte zwischen Außenwelt und Innenwelt hineingestellt ist unser Blutsystem, das sich wie eine Tafel von zwei Seiten beschreiben läßt, einmal von außen, einmal von innen.

Nun haben wir gestern gesagt, und es heute der Deutlichkeit wegen wiederholt, daß der Mensch imstande ist, seine Nerven, insofern sie in die Sinneswelt hinausführen, sozusagen frei zu machen von den Wirkungen der Außenwelt auf das Blutsystem. Die Frage müssen

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wir uns nun vorlegen, ob auch nach der entgegengesetzten Richtung hin etwas Ähnliches möglich ist? Und wir werden später sehen, daß in der Tat auch solche Übungen der Seele möglich sind, welche dieselbe Wirkung, von der wir heute und gestern gesprochen haben, nach der anderen Richtung möglich machen.


Jedoch besteht hier ein gewisser Unterschied. Während wir durch Gedankenkonzentration, durch Gefühlskonzentration, durch okkulte Übungen die Nerven unseres Gehirns und Rückenmarkes vom Blute losbekommen können, können wir durch solche Konzentrationen, welche gleichsam in unser Innenleben, in unsere Innenwelt hineingehen - und es sind dies namentlich diejenigen Konzentrationen, die man zusammenfassen kann unter dem Namen «mystisches Leben» -, so tief in uns eindringen, daß wir allerdings unser Ich dabei, also auch sein Werkzeug, das Blut, keineswegs unberücksichtigt lassen.

Die mystische Versenkung, von der wir ja wissen - was später noch genauer ausgeführt werden soll -, daß der Mensch durch sie gleichsam untertaucht in seine eigene göttliche Wesenheit, in seine eigene Geistigkeit, insofern sie in ihm liegt, diese mystische Versenkung ist nicht zunächst ein Herausheben aus dem Ich. Sie ist im Gegenteil ein Sichhineinversenken in das Ich, eine Verstärkung, ein Energischermachen, eine Steigerung der Ich-Empfindung.

Davon können wir uns überzeugen, wenn wir - abgesehen von dem, was die Mystiker der Gegenwart sagen - uns ein wenig einlassen auf ältere Mystiker. Diese älteren Mystiker, gleichgültig, ob sie auf einem mehr oder weniger religiösen Boden stehen, sind vor allen Dingen bemüht, in ihr eigenes Ich hineinzudringen und abzusehen von alle dem, was die Außenwelt uns geben kann, um frei zu werden von allen äußeren Eindrücken und ganz in sich selber unterzutauchen. Diese innere Einkehr, dieses Untertauchen in das eigene Ich ist zunächst wie ein Zusammenziehen der ganzen Gewalt und Energie des Ich in den eigenen Organismus hinein.

Das wirkt nun auf die ganze Organisation des Menschen weiter, und wir können sagen: Diese innere Versenkung, dieser im eigentlichen Sinne so zu nennende «mystische Weg» ist - im Gegensatz zu dem anderen Weg, den wir beschrieben haben - so, daß wir das Werkzeug des Ich, das Blut, nicht abziehen von dem Nerv, sondern es gerade mehr

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hinstoßen zum Nerv, zum sympathischen Nervensystem. Während wir also die Verbindung von Nerv und Blut lösen bei dem Vorgang, den wir gestern besprochen haben, machen wir im Gegensatz dazu durch die mystische Versenkung die Verbindung zwischen dem Blut und dem sympathischen Nervensystem stärker. Das ist das physiologische Gegenbild: Bei der mystischen Versenkung wird das Blut tiefer hineingedrängt zu dem sympathischen Nervensystem, während bei der anderen Art seelischer Übungen das Blut vom Nerv abgedrängt wird. Es ist also wie ein Eindrücken des Blutes in das sympathische Nervensystem, was in der mystischen Versenkung vor sich geht.

Nehmen wir nun an, wir könnten für eine Weile von dem absehen, daß der Mensch, wenn er in mystischer Versenkung in sein Inneres hineingeht, nicht loskommt von seinem Ich, sondern es im Gegenteil tiefer hineindrängt in sein Inneres und dabei alle schlechten, alle minder guten Eigenschaften, die er hat, mitnimmt. Wenn man sich in sein Inneres hineinversenkt, ist man sich zunächst nicht klar, daß man auch alle minder guten Eigenschaften hineindrückt in dieses Innere, mit anderen Worten, daß alles, was im leidenschaftlichen Blute ist, mit hineingeprägt wird in das sympathische Nervensystem.

Aber nehmen wir an, wir könnten eine Weile davon absehen und uns sagen, der Mystiker habe Sorge getragen, bevor er zu einer solchen mystischen Versenkung gekommen ist, daß die minder guten Eigenschaften immer mehr und mehr verschwunden sind und daß anstelle der egoistischen Eigenschaften selbstlose, altruistische Gefühle getreten sind, er habe sich dadurch vorbereitet, daß er versuchte, das Gefühl des Mitleides mit allen Wesen in sich rege zu machen, um die Eigenschaften, die nur auf das Ich hinspekulieren, zu paralysieren durch selbstloses Mitgefühl für alle Wesen. Nehmen wir also an, der Mensch habe sich genügend sorgfältig vorbereitet, um sich in sein Inneres hinein zu versenken.

Trägt der Mensch dann das Ich durch das Werkzeug seines Blutes in seine innere Welt hinein, dann kommt es dazu, daß dieses innere Nervensystem, das sympathische Nervensystem, von dem der Mensch im normalen Bewußtsein natürlich nichts weiß, hereinrückt in das Ich-Bewußtsein, daß er anfängt zu

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wissen: Du hast da in dir etwas, das dir ein Ähnliches von deiner inneren Welt vermitteln kann, wie dein Gehirn-Rückenmark-Ner­vensystem dir die äußere Welt vermittelt. Man wird gewahr seines sympathischen Nervensystems, und wie man durch das Gehirn­-Rückenmark-Nervensystem die äußere Welt erkennen kann, so kommt einem jetzt entgegen die innere Welt.

Aber wie wir bei den äußeren Eindrücken auch nicht die Nerven selbst sehen, sondern durch die Sehnerven die äußere Welt in unser Bewußtsein herein­dringt, so dringen bei der mystischen Versenkung auch nicht die inneren Nerven ins Bewußtsein herein; der Mensch wird nur gewahr, daß er in ihnen ein Instrument hat, durch das er in das Innere schauen kann. Es tritt etwas ganz anderes ein, es tritt vor dem nach innen zu hellsichtig gewordenen menschlichen Erkenntnisvermögen die innere Welt auf. Wie uns der Blick nach außen die Außenwelt erschließt, und uns dabei nicht unsere Nerven zum Bewußtsein kommen, so kommt uns auch nicht unser sympathisches Nervensystem zum Bewußtsein, wohl aber das, was sich uns als Innenwelt entgegenstellt. Nur müssen wir sehen, daß diese Innenwelt, die uns da zum Bewußtsein kommt, eigentlich wir selbst als physischer Mensch sind.

Vielleicht liegt es nicht besonders nahe, aber ich möchte doch sagen: Einem ein klein wenig materialistischen Denker könnte eine Art von Horror aufsteigen, wenn er sich sagen sollte, daß er seinen eigenen Organismus von innen sehen kann, und er könnte vielleicht meinen: Da sehe ich aber auch etwas Rechtes, wenn ich durch mein sympathisches Nervensystem hellsichtig werde und meine Leber, Galle und Milz zu sehen bekomme! - Ich meine, es muß ja nicht besonders naheliegen, aber man könnte es sich doch sagen.

So ist die Sache aber nicht. Denn bei einem solchen Einwand würde man nicht berücksichtigen, daß der Mensch im gewöhnlichen Leben seine Leber, Galle und Milz und so weiter von außen anschaut wie die anderen äußeren Gegenstände auch. So wie Sie in der Anatomie, in der gewöhnlichen Physiologie Leber, Galle, Milz und so weiter kennenlernen, wenn Sie einen Menschen aufschneiden, sind diese Organe natürlich durch die äußeren Sinne, durch das Gehirn-Rükkenmark-Nervensystem angeschaut, geradeso wie irgend etwas anderes.

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Aber in einer ganz anderen Lage ist der Mensch, wenn er versucht, sein sympathisches Nervensystem zu gebrauchen, um nach innen hellsichtig zu werden. Da sieht er keineswegs dasselbe, was er von außen sehen kann, sondern da sieht er das, um dessentwillen die Hellseher aller Zeiten so sonderbare Namen für diese Organe gewählt haben, wie ich sie Ihnen im zweiten Vortrage angeführt habe.

Da wird er nämlich gewahr, daß in der Tat dem äußeren Anschauen durch das Gehirn-Rückenmark-Nervensystem diese Organe als Maja, in äußerer Illusion erscheinen in dem Anblick, den sie nach außen bieten, nicht in ihrer inneren wesenhaften Bedeutung. Man sieht in der Tat etwas ganz anderes, wenn man mit dem nach innen gewendeten Auge diese seine innere Welt hellseherisch belau­schen kann. Da wird man nach und nach gewahr, warum die Hellseher aller Zeiten einen Zusammenhang der Organe mit den Wirkun­gen der Planeten gesehen haben.

Wie wir gestern gesagt haben, wurde

Denn was man im eigenen Inneren sieht, das ist in der Tat grundverschieden von dem, was sich dem äußeren Anblick darbietet. Da wird man gewahr, daß man wirklich in den inneren Organen umgrenzte, zusammengeschlossene Partien der Außenwelt vor sich hat. Vor allem wird eines klar, was uns zunächst als ein Beispiel dienen soll: Durch diese Art zu einer Erkenntnis zu kommen, die über das gewöhnliche Anschauen hinausführt, können wir uns davon überzeugen, daß die menschliche Milz ein sehr bedeutungsvolles Organ ist.


Dieses Organ erscheint ja der inneren Betrachtung wirklich so, als wenn es nicht aus äußerer Substanz, aus fleischlicher Materie bestehen würde, sondern - wenn der Ausdruck gestattet ist, obwohl er nur annähernd das wiedergeben kann, was gesehen wird - die Milz erscheint tatsächlich wie ein leuchtender Weltenkörper im kleinen mit allem möglichen inneren Leben, das sehr kompliziert ist. Ich habe Sie gestern darauf aufmerksam gemacht, daß die Milz, äußerlich betrachtet, beschrieben werden kann als ein blutreiches Gewebe, eingebettet darin die erwähnten weißen Körperchen. So daß

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man von einer äußeren physiologischen Betrachtung ausgehend sagen kann, daß das Blut, welches sich durch die Milz ergießt, durch sie wie durch ein Sieb durchgesiebt wird. Der inneren Betrachtung aber stellt sich die Milz dar als ein Organ, das durch mannigfache innere Kräfte in eine beständige rhythmische Bewegung gebracht wird. Wir überzeugen uns schon bei einem solchen Organ davon, daß im Grunde genommen in der Welt ungeheuer viel auf Rhythmus ankommt.

Eine Ahnung von der Bedeutung des Rhythmus im Gesamtleben der Welt können wir ja bekommen, wenn wir den äußeren Rhythmus des Kosmos wiedererkennen im Blut-Pulsschlag. Auch äußerlich können wir den Rhythmus in den Organen, auch in dem Organ der Milz, ziemlich genau verfolgen. Für den, der mit nach innen gewendetem hellseherischen Blick die Organe anschaut, dem offenbaren sich die Differenzierungen der Milz wie in einem Lichtkörper, sie sind dazu da, um der Milz einen gewissen Rhythmus im Leben zu geben.

Dieser Rhythmus unterscheidet sich von anderen Rhythmen, die wir sonst gewahr werden, ganz beträchtlich. Und gerade bei der Milz ist es interessant zu studieren, wie sich dieser Rhythmus der Milz ganz beträchtlich unterscheidet von jedem anderen Rhythmus; er ist nämlich weit weniger regelmäßig als andere Rhythmen. Warum? Dies ist aus dem Grunde der Fall, weil die Milz in einer gewissen Weise naheliegt dem menschlichen Ernährungsapparat und mit demselben etwas zu tun hat. Das werden Sie gleich verstehen, wenn wir ein wenig darauf Rücksicht nehmen, wie ungeheuer regelmäßig beim Menschen der Rhythmus des Blutes sein muß, damit das Leben in einer richtigen Weise aufrechterhalten werden kann. Das muß ein sehr regelmäßiger Rhythmus sein.

Aber es gibt einen anderen Rhythmus, und der ist nur in geringem Maße regelmäßig, obwohl von ihm zu wünschen wäre, daß er durch die Selbsterziehung der Menschen immer regelmäßiger und regelmäßiger würde, namentlich in dem kindlichen Lebensalter: das ist der Rhythmus, in dem wir uns ernähren, der Rhythmus von Essen und Trinken. Einen gewissen Rhythmus hält darin ja wohl ein einigermaßen ordentlicher Mensch ein; er nimmt zu bestimmten Zeiten seine Tagesmahlzeiten, das Frühstück, das Mittagessen und das Nachtmahl ein, so daß er

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dadurch doch einen gewissen Rhythmus hat.

Aber wie ist es mit diesem Rhythmus eigentlich bestellt? In vieler Hinsicht - das ist ja traurig bekannt - wird diese Regelmäßigkeit durchbrochen durch das Entgegenkommen vieler Eltern gegenüber der Genäschigkeit ihrer Kinder, denen man einfach dann etwas gibt, wenn sie gerade danach Verlangen haben, wobei abgesehen wird von allem Rhythmus. Und auch die Erwachsenen sind nicht gerade so ungeheuer darauf aus, immer einen genauen Rhythmus in bezug auf Essen und Trinken einzuhalten. Das soll gar nicht in pedantischer oder moralisierender Weise gemeint sein, denn das moderne Leben macht das nicht immer möglich.

Wie unregelmäßig die Nahrung in den Menschen hineingestopft wird, wie unregelmäßig namentlich getrunken wird, das ist ja hinlänglich bekannt und soll nicht getadelt, sondern nur erwähnt werden. Es muß aber das, was wir in einer mangelhaften rhythmischen Art unserem Organismus zuführen, allmählich so umrhythmisiert werden, daß es sich in den regelmäßigeren Rhythmus des Organismus einfügt; es muß so umgeschaltet werden, daß wenigstens die gröbsten Unregelmäßigkeiten in der Nahrungsaufnahme beseitigt werden.

Nehmen wir an, ein Mensch sei durch seinen Beruf gezwungen, um acht Uhr morgens zu frühstücken und um ein oder zwei Uhr zu Mittag zu essen, und diese regelmäßige Tageseinteilung sei ihm eine Gewohnheit. Nun nehmen wir weiter an, er würde zu einem guten Freunde gehen, und da gebiete es ihm die sonst ja nicht genug zu lobende Höflichkeit, zwischen diesen beiden Mahlzeiten eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Damit hat er den gewohnten Rhythmus seiner Nahrungsaufnahme in einer ganz erheblichen Weise durchbrochen, und dadurch wird auf den Rhythmus seines Organismus eine ganz bestimmte Wirkung ausgeübt.

Es muß nun etwas da sein im Organismus, das in entsprechender Weise dasjenige stärker macht, was regelmäßig im Rhythmus ist und was die Wirkung dessen abschwächen muß, was unregelmäßig ist. Es müssen die gröbsten Unregelmäßigkeiten ausgeglichen werden, so daß beim Übergehen der Nahrungsmittel auf das Blutsystem ein Organ eingeschaltet sein muß, das die Unregelmäßigkeit des Ernährungsrhythmus ausgleicht gegenüber der notwendigen Regelmäßigkeit des Blutrhythmus.


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Und dieses Organ ist die Milz. So können wir an ganz bestimmten rhythmischen Vorgängen, wie es jetzt charakterisiert worden ist, einen Begriff dafür erhalten, daß die Milz ein Umschalter ist, um Unregelmäßigkeiten im Verdauungskanal so auszugleichen, daß sie zu Regelmäßigkeiten werden in der Blutzirkulation. Denn es wäre in der Tat eine ganz fatale Sache, wenn gewisse Unregelmäßigkeiten in dem Aufnehmen von Nahrungsstoffen - namentlich in der Studentenzeit oder auch zu anderen Zeiten - ihre ganze Wirkung fortsetzen müßten in das Blut hinein. Da ist viel auszugleichen, und es ist nur so viel auf das Blut überzuleiten, als diesem zuträglich ist. Diese Aufgabe hat das in die Blutbahn eingeschaltete Milzorgan, das seine rhythmisierende Wirkung so ausstrahlt über den ganzen menschlichen Organismus, daß das zustande kommt, was jetzt beschrieben worden ist.

Was wir jetzt hervorgeholt haben aus dem Einblick des hellsehend gewordenen Auges, zeigt sich auch der äußeren Beobachtung, näm­lich daß die Milz einen gewissen Rhythmus einhält. Es ist außerordentlich schwierig, durch die äußeren physiologischen Untersuchun­gen allein diese Aufgabe der Milz herauszufinden, man kann aber durch äußerliche Beobachtung feststellen, daß die Milz gewisse Stunden hindurch nach einer reichlich genossenen Mahlzeit angeschwollen ist und daß sie, wenn nicht wieder nachgeschoben wird, sich wieder zusammenzieht, wenn eine angemessene Zeit vergangen ist. Durch eine gewisse Ausdehnung und Zusammenziehung dieses Organs wird die Unregelmäßigkeit in der Nahrungsaufnahme auf den Rhythmus des Blutes umgeschaltet.

Und wenn Sie sich dessen bewußt sind, daß der menschliche Organismus nicht bloß das ist, als was man ihn oft beschreibt, nämlich eine Summe seiner Organe, sondern daß alle Organe ihre geheimen Wirkungen nach allen Teilen des Organismus hinschicken, so werden Sie sich auch vorstellen können, daß die rhythmische Tätigkeit der Milz von der Außenwelt, nämlich von der Zuführung der Nahrungsmittel abhängt, und daß diese rhythmischen Bewegungen der Milz ausstrahlen in den ganzen Organismus und über den ganzen Organismus hin ausgleichend wirken können. Das ist zwar nur eine Art, wie die Milz wirkt; denn es ist unmöglich, alle Arten gleich anzuführen.



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Es wäre nun in der Tat außerordentlich interessant zu sehen, ob die äußere Physiologie solche Dinge, wie sie eben ausgesprochen wurden, bestätigen würde, wenn sie dieselben - da ja nicht alle Menschen gleich hellsehend werden können - hinnehmen würde, ich möchte sagen, wie eine «hingeworfene Idee», wenn also zunächst gesagt würde: Ich will mir einmal vorstellen, daß es doch nicht so ganz verdrehtes Zeug ist, was die Okkultisten sagen, ich will es einmal weder glauben noch nicht glauben, sondern es als Idee dahingestellt sein lassen und prüfen, ob sich davon irgend etwas durch die äußere Physiologie beweisen läßt. - Dann könnten Untersuchungen der äußeren Physiologie angestellt werden, die den Beweis erbringen könnten für das, was aus hellseherischer Beobachtung heraus gewonnen wurde.

Eine solche Bestätigung haben wir ja schon genannt, das Ausdehnen und Zusammenziehen der Milz. Es zeigt sich, weil die Ausdeh­nung der Milz auf die Einnahme einer Mahlzeit folgt, daß sie von der Nahrungsaufnahme abhängig ist. So haben wir in der Milz ein Organ gefunden, das nach der einen Seite hin von menschlicher Willkür abhängig ist, auf der anderen Seite, nach der Blutseite hin, die Unregelmäßigkeiten der menschlichen Willkür beseitigt, sie ablähmt, das heißt sie umschaltet auf den Rhythmus des Blutes, und dadurch das Physische des Menschen sozusagen erst seiner Wesenheit gemäß gestaltet werden kann. Denn soll der Mensch seiner Wesenheit gemäß gestaltet sein, dann muß ja namentlich das Mittelpunktswerkzeug seiner Wesenheit, das Blut, in der richtigen Weise seine Wirkung ausüben können, in dem eigenen Blutrhythmus. Es muß der Mensch, insofern er Träger seines Blutkreislaufes ist, in sich abgesondert, isoliert sein von dem, was draußen in der Außenwelt unregelmäßig vorgeht, und von dem, was auf den Menschen dadurch einwirkt, daß er völlig unrhythmisch sich seine Nahrung einverleibt.

Es ist also ein Isolieren, ein Unabhängigmachen der menschlichen Wesenheit von der Außenwelt. Jedes solches Individualisieren, Selbständigmachen einer Wesenheit nennt man im Okkultismus «Saturnisch», etwas, das durch Saturnwirkung herbeigeführt wird. Das ist die ursprüngliche Idee, das Wesentliche des Saturnischen: daß aus

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einem umfassenden Gesamtorganismus ein Wesen herausgestellt, isoliert, individualisiert wird,
so daß es in sich selber eine gesonderte Regelmäßigkeit entfalten kann. Ich will jetzt davon absehen, daß ja von unserer heutigen Astronomie außerhalb der Saturnbahn noch Uranus und Neptun zu unserem Sonnensystem gerechnet werden. Für den Okkultisten ist alles das, was an Kräften vorhanden ist, um unser Sonnensystem aus der übrigen Welt herauszuheben, abzusondern, zu isolieren und zu individualisieren, ihm eine Eigengesetzlichkeit zu geben, in den Saturnkräften gegeben.

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Alle diese Kräfte sind in dem gegeben, was in unserem Sonnensystem der äußerste Planet ist. Wenn man sich die Welt vorstellt, könnte man sagen, daß innerhalb der Kreisbahn des Saturns das Sonnensystem so darinnen ist, daß es innerhalb dieser Bahn seinen eigenen Gesetzen folgen kann und sich unabhängig machen kann, indem es sich herausreißt aus der Umwelt und den gestaltenden Kräften der Umwelt. Aus diesem Grunde sahen die Okkultisten aller Zeiten in den saturnhaften Kräften das, was unser Sonnensystem in

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sich selber abschließt, was es dem Sonnensystem möglich macht, einen eigenen Rhythmus zu entfalten, der nicht derselbe ist wie der Rhythmus draußen, der außerhalb der Welt unseres Sonnensystems herrscht.

Etwas Ähnlichem begegnen wir in unserem Organismus bei der Milz. In unserem Organismus haben wir es zwar nicht zu tun mit einem Absondern gegen die ganze äußere Welt, sondern nur von einer Umwelt, insofern sie die Nahrungsmittel für unseren Organismus enthält. In der Milz haben wir dasjenige Organ im Körper zu sehen, das alles, was von draußen kommt, so behandelt, wie das innerhalb der Saturnbahn des Sonnensystems Liegende von den Saturnkräften behandelt wird: daß es zuerst umrhythmisiert wird in den Rhythmus und die Gesetzmäßigkeit des Menschen. Was durch die Milz geschieht, das isoliert unseren Blutkreislauf von allen äußeren Wirkungen, das macht ihn zu einem in sich selber regelmäßigen System, das seinen eigenen Rhythmus haben kann.

Damit kommen wir schon den Gründen etwas näher, die im Okkultismus für die Wahl von Planetennamen für die Organe maßgebend waren. In den okkulten Schulen wurden diese Namen ursprünglich nicht bloß auf die einzelnen physisch sichtbaren Planeten angewendet. Der Name «Saturn» zum Beispiel wurde ja, wie schon gesagt, auf alles angewendet, was bewirkt, daß sich etwas aus einer größeren Gesamtheit aussondert und sich abschließt zu einem System, das in sich selber rhythmisch gestaltet ist. Daß ein System sich abschließt und sich in sich selbständig rhythmisch gestaltet, hat einen gewissen Nachteil für die gesamte Weltentwickelung, und das hat immer die Okkultisten ein wenig bekümmert. Es ist ja leicht verständlich, daß in der kleinen und in der großen Welt alle Wirkun­gen zueinander in Beziehungen stehen, daß alle sich aufeinander beziehen.

Wenn nun irgend etwas, sei es ein Sonnensystem, sei es das Blutsystem des Menschen, sich herausgliedert aus der ganzen Umwelt und einer Eigengesetzmäßigkeit folgt, so bedeutet das, daß ein solches System die äußeren umfassenden Gesetze durchbricht, verletzt, daß es sich verselbständigt gegenüber den äußeren Gesetzen und sich eigene innere Gesetze und einen eigenen Rhythmus schafft,

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welche denen der Umwelt zunächst widersprechen. Wir werden sehen, wie das auch auf den physischen Menschen bezogen werden kann, obwohl es uns nach den ganzen Auseinandersetzungen des heutigen Vortrages klar sein muß, daß es zunächst für den Menschen segensreich ist, daß er diesen durch das Saturnische der Milz geschaffenen inneren Rhythmus erhalten hat.

Aber wir werden doch sehen, daß ein Wesen, sei es ein Planet, sei es ein Mensch, durch das Sichabschließen in sich selber sich in einen Widerspruch bringt zur umliegenden Welt. Es ist ein Widerspruch geschaffen zwischen dem, was um uns ist, und dem, was in uns ist. Dieser Widerspruch, der nun einmal vorhanden ist, kann nicht früher ausgeglichen werden, als bis sich der im Inneren hergestellte Rhythmus dem äußeren Rhythmus wieder völlig angepaßt hat.

Wir werden noch sehen, wie dies auch auf den physischen Menschen bezogen wird; denn so, wie es jetzt gesagt worden ist, sieht es aus, als ob der Mensch sich anpassen müßte an die Unregelmäßigkeit. Wir werden aber sehen, daß es anders ist. Der innere Rhythmus muß, nachdem er sich hergestellt hat, danach streben, sich wiederum mit der ganzen äußeren Welt gleich zu gestalten, das heißt, sich selber aufzuheben. Das heißt also: Die Wesenheit, die im Inneren entsteht und selbständig arbeitet, muß das Bestreben haben, sich wiederum an die Außenwelt anzupassen und dieser Außenwelt gegenüber so zu werden, wie diese selber ist.

Mit anderen Worten: Alles, was durch eine saturnische Wirkung verselbständigt wird, das wird zugleich durch diese saturnische Wirkung dazu verurteilt, sich selber wieder zu zerstören. Der Mythos drückt das im Bilde aus: Saturn - oder Kronos - verzehrt seine eigenen Kinder.

So sehen Sie einen tiefen Einklang herrschen zwischen einer okkulten Idee und einem Mythos, der dasselbe ausdrückt im Bilde, im Symbol: Kronos verzehrt seinen eigenen Kinder. - Wenn man solche Dinge in immer größerer und größerer Zahl auf sich wirken läßt, so bildet sich für die Beziehungen der angedeuteten Art ein feines Gefühl heraus, und dann wird es nach einiger Zeit nicht mehr so leicht möglich sein, wie es die äußerliche Aufklärung tun möchte, zu sagen: Nun ja, da träumen einige Phantasten davon, daß in den alten Mythen und Sagen bildliche Ausprägungen tiefer Weisheiten enthalten seien.


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Wenn man zwei, drei oder auch zehn solcher Entsprechungen hört, noch dazu so, wie sie oft in der Literatur dargeboten werden, nämlich in recht äußerlicher Weise, dann kann man sich ganz gewiß dagegen auflehnen, daß in Mythen und Sagen tiefere Weisheiten enthalten seien als in der äußeren Wissenschaft. Aber wer tiefer auf die Sache eingeht, der findet bewahrheitet, daß Mythen und Sagen tiefer hineinführen in das wirkliche Wesen der Welt und der Organbildung, als es der äußeren wissenschaftlichen Betrachtungsweise möglich ist. Wer immer wieder solche Bilder auf sich wirken läßt, wie sie in den wunderbaren Mythen und Sagen über den ganzen Erdkreis hin verstreut sind, der kann bei liebevollem Eingehen auf diese Bilder in dem ganzen Fühlen und Denken der Völker, in den bildhaften Vorstellungen der Menschen, die Umgestaltung tiefster Weisheiten finden. Dann begreift man, warum einige Okkultisten sagen können, derjenige habe erst Mythen und Sagen wirklich begriffen, der durch sie in die okkulte Physiologie der menschlichen Natur eingedrungen sei.

Mehr als die äußere Wissenschaft erfaßt, enthalten Mythen und Sagen wirkliche Weisheiten über das menschliche Wesen, wirkliche Physiologie. Wenn die Menschen einmal ergründen werden, wieviel Physiologie zum Beispiel in solchen Namen wie Kain und Abel und ihrer Nachfolgeschaft liegt - diese alten Namen rühren ja aus Zeiten her, in denen man in die Namen noch einen inneren Sinn hineinprägte -, dann werden die Menschen einen ungeheuren Respekt, eine ungeheure Ehrfurcht bekommen vor alle dem, was im Laufe des geschichtlichen Werdens von weisheitsvollen Menschen ersonnen worden ist, um da, wo in die geistigen Welten noch nicht hineingeschaut werden kann, die Seelen durch Bilder ihren Zusammenhang mit diesen geistigen Welten erleben zu lassen. Da wird einem gründlich vertrieben der Hochmut, der in dem Worte steckt, das in unserer Zeit eine viel zu große Rolle spielt: Wie haben wir es heute so herrlich weit gebracht! -, womit man meint: Wie haben wir abgestreift die alten bildhaften Ausdrücke der Urmenschheitsweistümer.

Die streift man gründlich ab, wenn man sich nicht mit inniger Liebe in den Gang der Menschheitsentwickelung durch die verschiedenen

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Epochen hindurch versenkt. Was der Hellseher mit dem geöffneten inneren Auge als die innere Natur der menschlichen Organe physiologisch ergründet, das drückt sich in Bildern aus und läßt ihn sehen, daß die Mythen und Sagen gleichsam die menschliche Her­kunft enthalten. Der Hellseher sieht in den Mythen und Sagen ausgedrückt diesen Wunderprozeß, daß Welten zusammengedrängt wor­den sind in menschliche Organe. Er sieht, wie sich im Laufe unendlich langer Zeiten die Organe zusammenkristallisiert haben, um zu dem werden zu können, was als Milz, als Leber, als Galle in uns wirkt.

Wir werden morgen noch weiter darüber sprechen. Um das alles in Bildern ausdrücken zu können, dazu gehört wahrhaftig eine tiefe Weisheit, ein tiefes Wissen von dem, was wir durch die okkulte Wissenschaft erst erahnen. Was in unserem inneren menschlichen Organismus wirkt, das ist aus Welten herausgeboren wie ein Mikrokosmos aus dem Makrokosmos, und wir sehen alle diese ungeheuren Weistümer ausgedrückt in Mythen und Sagen. Deshalb haben jene Okkultisten Recht, die in den Namen der Mythen und Sagen erst einen Sinn finden, wenn sie darin die Physiologie erkennen.

Darauf sollte heute nur hingedeutet werden, weil es dazu dienen kann, uns jene Ehrfurcht anzueignen, von der in der ersten Stunde gesprochen worden ist. Wenn wir eine solche Betrachtungsweise üben, können wir wirklich hinweisen auf das, was sich einer tieferen Erforschung des geistigen Inhaltes der menschlichen Organe darbietet. Auch wenn wir das nur für ganz weniges darstellen können, so wird sich uns doch schon zeigen, welcher Wunderbau dieser menschliche Organismus ist. Und ein wenig werden wir gerade in diesem Vortragszyklus hineinzuleuchten versuchen in diese innere Wesenheit des Menschen.